Detlef Witt "Heißläufer"
Geschichte und Geschichten eines Maschinisten        


Detlef Witt, 1940 in Schleswig-Holstein geboren, hat es schon als Kind zur Seefahrt gezogen. Der Maschinenschlosser und Diplomingenieur für Schiffsbetriebstechnik fährt von 1960 bis 1968 auf verschiedenen Schiffen auf allen Meeren der Welt und setzt seinen Fuß auf alle Kontinente.
Nach der Beendigung seines Dienstes als Leiter eines Großkraftwerkes im Osten Deutschlands, hat er sich der Schriftstellerei zugewendet. In seinerm Buch "Heißläufer" zeichnet er ein Bild der Seefahrt in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts.
Während seiner Tätigkeit in einem Kraftwerk im Rheinischen Revier hat Detlef Witt ein Buch über die Geschichte der Verwendung der Braunkohle für die Stromerzeugung verfasst.
Detlef Witt lebt heute in der Nähe von Cottbus.
Germaine Adelt






Detlef Witt: Heißläufer. Geschichte und Geschichten eines Maschinisten.
Format 13,5 x 20 cm, Paperback, 380 Seiten
ISBN 978-3-9809931-4-2 Preis: 18,00 Euro



Rezensionen




Leseprobe


Über Beirut, der damals noch schimmernden Perle des Libanon, sowie El Ladhaqiye, Syriens größtem Hafen, führte der Weg des Schiffes durch den Bosporus ins Schwarze Meer. In den Laderäumen bauten die Maaten Längsschotten. Diese sollten bei schlechtem Wetter das Verrutschen des zu ladenden Getreides verhindern.
Als die "Mango" sich Noworossisk näherte, ruhte schönes Wetter über dem Schwarzmeer. Zwölf Grad plus im Wasser, 18 Grad – ebenfalls plus – Lufttemperatur, leichter Südwind, sehr gute Sicht. "Zu gut’, sagte der Zweite Offizier, "das Wetter hält nicht!" Er behielt Recht. Das Barometer fiel.

Damals führte die UdSSR noch Getreide aus. Der Zweite Offizier zählte 24 Schiffe auf der Außenreede. Das kleinste Schiff 2 000, das größte etwa 20 000 tdw. Russen, Briten, Griechen, Liberia, die "Mango" als einziges deutsches Schiff. Ihr Eimer sollte Brauereigerste, Englischer Kanal for Order, laden. Wenn es der Reihe nach ging, mussten sie mit einer längeren Liegezeit am Anker rechnen. Obwohl, so äußerte sich der Erste, sie nicht zu den großen Silos müssten, sondern an einem kleineren weiter abseits anlegen würden. Anker geworfen, stabile Lage erreicht, Maschine fertig. Der Chief ließ Hafenwache einrichten. Für Harm hieß das, ab Mitternacht acht Stunden Wache zu schieben. Nichts Besonderes.

Kurz nach dem Abendessen drehte der Wind auf Nordost, er frischte schnell auf, erreichte Sturmstärke. Die Lufttemperatur sank in kürzester Zeit auf minus 14 Grad. Trotz des Sturmes bildete sich fast schlagartig pottendichter, aus groben Tropfen bestehender Nebel, Sichtweite unter zehn Metern. Überall an den Aufbauten bildete sich Eis. Sie ahnten die Gefahr!

Das Schiff lag in Ballast, denn es sollte ja Getreide laden. In diesem Zustand waren neben den vollen Brennstofftanks die Ballasttanks gefüllt, diese natürlich mit Seewasser. Das Dieselöl hatte der Motor während der Reise so weit verbraucht, dass zwei Wechseltanks zusätzlich mit Seewasser gefüllt werden konnten. Der Schwerpunkt des Schiffes lag dennoch schon recht hoch und das Eis auf den Aufbauten zog den Schwerpunkt immer höher. Im Extremfall bedeutete es das Kentern des Dampfers.

Die nicht zum Wachdienst eingeteilten Leute rüsteten sich mit allem möglichen Werkzeug aus, um den Eisansatz so klein wie möglich zu halten. Auch Harm ackerte mit einer Feueraxt auf der achtersten Luke herum. Auf Anraten des Bootsmannes hatte er sich Sackleinen um die Gummistiefel gewickelt, damit konnte man einigermaßen sicher bei der Glätte stehen. Man musste ja nicht nur das Eis losschlagen, es musste zudem außenbords geworfen werden.

An einigen Stellen hatte der Koch mit seinen Salzvorräten begehbare Wege zwischen Luken und Reling gestreut. Das Eis nahm trotzdem schnell zu. Die komplette Decksbeleuchtung war eingeschaltet, trotzdem entstand im Nebel nur ein kaum für die Arbeit ausreichendes milchiges Streulicht.

Gegen acht Uhr abends steckten sie den zweiten Anker. Kurz vor 22 Uhr wurde Harm aufgefordert, zur Doppelbesetzung im Keller zu erscheinen. Bevor er in den Maschinenraum ging, informierte er sich noch mal über die Lage an Deck. Es sah nicht gut aus. An einigen Stellen lag das Eis bis zu fünfzehn Zentimeter dick. An den Drähten der Masten hingen lange Eisbärte. Das Eishacken an Deck konnte nur noch an wenigen Stellen durchgeführt werden. Der Sturm hatte Stärke 12 überschritten, er schlug den Maaten bei der Glätte die Beine weg.

Für die Spatzen der Silos von Noworossisk entwickelte sich diese Nacht schon jetzt zur Katastrophe. Tausende wurden nach See hinaus geweht, ertranken oder setzten sich erschöpft auf die Eisschichten auf den Schiffen. Viele versanken dabei langsam im Eis. Einige sah Harm wie Schneewittchen in ihrem Glassarg im Todesschlaf. Im Betriebsgang flatterten weit über hundert Spatzen, die mitleidige Seeleute vom Eis weg gefangen hatten.

Harm kletterte den Niedergang zum Maschinenfahrstand hinunter. Der Motor lief bereits "ganz langsam" gegen die Anker, um diese zu entlasten. Gerade klingelte der Telegraf "langsam voraus". Plötzlich fiel die elektrische Volllastölpumpe aus. Bange Sekunden, bis die zweite Pumpe ansprang, alles klar. Gerade in so einer Situation brach die Rohrfeder in einem Kontaktmanometer, Öl trat aus. Glücklicherweise entstand kein Feuer.

Harm wechselte das Ding schleunigst, sie nahmen die Pumpe wieder in Betrieb. Gegen zwei Uhr erschien der Dritte Offizier in der Maschine. Er informierte über die Lage. Radarantenne defekt durch Eis, die Nautiker wussten nicht, wo das Schiff inzwischen lag, ob sie abtrieben oder nicht. Alle seien wach, Rettungsboote klar zum Fieren.

Zwei Mann seien abgeteilt, Eisbildung an den Davits und den Booten zu verhindern. Ein Matrose sei von einem Eisstück schwer verletzt worden, Schlüsselbeinbruch, Ohr halb abgerissen. Das Eis sei irgendwo am vorderen Mast abgebrochen und, vom Sturm getrieben, weit nach achtern flatternd, herunter gefallen. Nein, keine Lebensgefahr. Bei einem bestimmten Signal sollten sie den Hauptmotor stoppen, sofort den Maschinenraum verlassen und zu den Booten gehen.

Gegen fünf Uhr begann der Nebel sich zu lichten, die Eisbildung verringerte sich, der Orkan nahm ab. Als Harm kurz nach acht Uhr den Maschinenfahrstand verließ, lief der Motor noch "ganz langsam voraus", gerade klingelte der Telegraf "Maschine Stop". Das Gröbste war überstanden – meinte er!

Es war ein gutes Gefühl, jetzt zu duschen. Danach würde es ein leckeres Frühstück geben. Frohen Herzens enterte Harm den Niedergang zum Maschinenschott des Hauptdecks hinauf, schloss es sorgfältig hinter sich. Überall im Betriebsgang saßen Spatzen, müde, flatterten kaum auf. Jemand hatte ihnen Haferflocken gestreut und eine Schale mit Wasser hingestellt. Warum dröhnte plötzlich das Typhon? Harm betrat seine Kammer, schaute gewohnheitsgemäß aus dem Bullauge.

Ihm blieb fast das Herz stehen, als er sah, was da auf seinen Dampfer zukam. Ein noch etwas kleineres Schiff ging "Anker auf", die Leute dort bemerkten im immer noch wabernden Nebel zu spät, dass ihre Ankerkette unter der der "Mango" lag. Dadurch schwoite der Dampfer direkt auf sie zu. Kaum begriff Harm, was da passierte, rammte das fremde Schiff die "Mango" in Höhe des zweiten Laderaumes mit seinem, damals modernen, weit auskragenden Bug. Der Rammer löste sich von der "Mango", seine Maschine ging voll rückwärts, die Ankerkette brach, jetzt trieb der Kahn achteraus, kam gerade noch, ohne es zu touchen, am Achterschiff der "Mango" vorbei.

Die griechische Flagge war trotz der anhaftenden Eisbärte noch zu erkennen. Durch das auch auf diesem Schiff überall liegende und hängende Eis sah es wie ein verschollener Raumkreuzer aus. Auch die Männer auf der Back und auf der Brücke standen wie versteinert. Sie waren so nahe, dass Harm ihre eingefrorenen Bärte erkennen konnte. Die Radarantenne des Schiffes war nur noch ein dicker Eisklotz.

Harm sprang sofort ins Maschinenschott, rauschte die Treppe hinunter, half bei den schon angewiesenen Pump-Manövern. Sie versuchten die "Mango" etwas auf die Steuerbordseite zu legen, denn der Grieche hatte sie auf Backbord gerammt. Sie hatten ziemliches Glück, denn durch den weit ausladenden Bug des Rammers lag das Leck noch geringfügig über der Wasserlinie. Nur wenig Spritzwasser des immer noch ansehnlichen Seeganges schwappte in den Laderaum. Sie waren in der Lage, es mit der kleinen Lenzpumpe zu halten.

Nachdem das Wetter aufgeklart hatte, erhielt die "Mango" Erlaubnis in den Hafen einzulaufen und bei einer Werft anzulegen. Der verunglückte Matrose kam sofort ins Krankenhaus, war später voll des Lobes über die Versorgung dort.

Der Funker verbrachte nahezu einen ganzen Tag in einem Büro der Werft, bis er telefonischen Kontakt mit der Reederei bekam. Zwischendurch erschien er an Bord, holte sich vom Salonsteward eine Flasche Damenparfüm, die der in seinem Store für Passageusen führte, zwei Flaschen Whisky und zwei Stangen Zigaretten. Danach klappte es mit der Telefonverbindung. Die Reederei ließ wissen, dass sie keine Hilfe stellen könne, da die Einreise in die UdSSR weder ihren Fachleuten noch denen der Klassifikationsgesellschaft, dem Germanischen Lloyd, so schnell erlaubt würde.

Die Offiziere der "Mango", technische wie nautische, und die Werft-Spezies besahen sich den Schaden. Die Zusammenarbeit mit den Russen lief sprachlich – unter Benutzung von Händen und Füßen – etwas holperig, aber fachlich um so besser. Gemeinsam entschieden die Experten, ein Blech von außen aufzuschweißen sowie innen zusätzliche Profilstähle einzusetzen.

Nun brannten die sowjetischen Werftgrandis die verbogenen Bleche und Spanten heraus, begannen mit der Reparatur. Harm hatte sich in der Nähe der Expertengruppe aufgehalten und hörte so, dass die Längsfestigkeit nicht beeinträchtigt sei und die Querfestigkeit durch die Maßnahmen wieder hergestellt werden könne. Sie hatten großes Glück gehabt. Nach der Reparatur verholte die "Mango" zum Brauerei-Gerste-Silo. 3 500 Tonnen sollten sie nehmen, also nicht ganz voll.

Offiziell gab es keine Information vom Hafenkapitän. Die Gerüchte sagten jedoch, dass sich in der Sturmnacht zwei russische Schiffe gegenseitig gerammt hatten und absoffen waren, weil die Besatzungen nicht handlungsfähig waren – sprich an Land oder voll. Ein Grieche lief auf, die Mannschaft rettete sich selbst. Als die "Mango" ankerauf ging, um zur Werft zu fahren, konnte der Zweite Offizier eine Doppel-Peilung nehmen. Diese ergab, dass das Schiff über eine Meile nach Südwest von seinem Ankerplatz abgetrieben war, trotz zweier Anker und Gegenfahren mit der Maschine.

Der kleine Grieche besaß nun einen ondulierten Bug, wie der Zweite sich ausdrückte. Auf dem Schiff mussten tolle Zustände herrschen. Ihnen wurde berichtet, dass der Kapitän des Schiffes zum Zeitpunkt des Rammings besoffen in der Koje lag. Als er wach wurde und merkte, was geschehen war, habe er seine Pistole geholt und auf den Wachoffizier geschossen, ihn glücklicherweise nur leicht verletzt. Die anderen Offiziere hätten den Kapitän überwältigt und festgesetzt.

Den ersten Abend nach dem Einlaufen durfte Harm mit einigen Kollegen an Land. Sie wollten ihren gemeinsamen "Geburtstag" feiern! Einer der uniformierten Offiziellen, der etwas deutsch sprach, gab dem Kapitän auf dessen Frage einen Tipp. Sie fanden daraufhin eine Gaststätte unweit der Werft. Es fiel die Bezeichnung "Dom Kultura". Dort lief viel junges Volk herum. Auch zwei der Schweißer trafen sie dort. Harms Kumpel tranken roten Sekt, Harm hielt sich an Wodka.

Eine junge Frau, mit schönen Augen hinter einer Art Gasmaskenbrille, mit der er Blickkontakt bekam, zog ihn aus der Clique, tanzte mit ihm. Zuerst blieb sie auf Abstand, kam beim zweiten Tanz näher, ließ nach und nach fühlen, dass sie eine knackige Frau war. Während die Musik aus den Lautsprechern in den vier Ecken des Raumes weiter dudelte, zog sie Harm in die Kälte vor die Tür, zeigte ihm einen "swesda", einen Stern, der aus einer Wolkenlücke hervorschaute, schrieb es kyrillisch mit dem Schuh in den Kies des Fußweges. Wegen der Kälte lernte Harm sie nur undeutlich kennen. Seine eindeutigen Feelings mit den Händen ließen sie nicht zucken, sie sagte etwas undeutlich eindeutig: "Noh posssssibel, sssori!", küsste Harm sehr warm. Sehr bald gingen sie wieder hinein und trennten sich vor den Toiletten. Harm fand seine Kollegen an der Bar im Hintergrund des Raumes, gönnte sich ein Glas Wodka zur Wiederaufwärmung. Wo war das Mädchen? Eine Weile stand er dort. Leute kamen und gingen.

Da berührte ihn eine weiche Hand und "seine" Kleine lächelte ihn durch die Brille an, zog ihn davon, bedeutete ihm, seine Joppe anzuziehen, die Mütze aufzusetzen. Draußen küsste sie ihn, hakte sich ein. An der nächsten Ecke bogen sie ab. Dort stand unter einer der wenigen Straßenlaternen ein dreiachsiger Lkw, ein Riesending mit einer langen Schnauze.

Sie gingen daran vorbei, das Mädchen blieb stehen, sah nach allen Seiten, ging zurück, öffnete die Beifahrertür mit einem Schlüssel, die beiden stiegen ein. Sie zog Vorhänge vor die Seitenfenster und die Frontscheibe, verriegelte die Tür, legte die jetzt beschlagene Brille sorgfältig in ein Fach neben dem Lenkrad. Lange konnte der Brummer hier noch nicht stehen, im Fahrerhaus war es akzeptabel warm. Sie killte Harm die Hosen herunter, küsste seinen schnell wachsenden Rumtreiber, der in ihre genauso schnell bereit gemachte Gasse gelangte. Harm schob ihr alle Sachen am Oberkörper hoch, küsste ihre prallen Brüste. Eine warme Frau in einer kalten Nacht ...

Sie zogen sich an, das Mädchen setzte die Brille wieder auf, schob die Vorhänge zurück, kurbelte die Seiten-Scheibe herunter, die jetzt völlig beschlagen und teilweise befroren war, legte einen Finger auf die Lippen, zischte: "Schschsch!", sah hinaus, stieg aus, sah sich draußen um. Schließlich flüsterte sie "o.k." und auch Harm verließ den gastlichen LKW. Seinen Versuch, ihr Geld zu geben, hatte sie im Keim erstickt. "Laff jux", verstand er.

Beim Betreten des Lokals ging sie zu einem grauhaarigen kräftigen Mann, gab ihm den Schlüssel, küsste ihn auf die Wange. Harm fiel fast um, als sie sagte: "Däddi." Nach einigen gemeinsamen Wodkas weinten sie beide aneinander miteinander. Harm konnte unauffällig seine restlichen Rubel und zwei drei – verbotene – Dollarscheine in ihre Jackentasche platzieren. Der Vater, genau so voll wie Harm, umarmte ihn, nahm die Kleine schließlich mit. Nur zögernd ließ er sie – für immer – gehen.

Harm wankte mit den Kollegen und großen Amplituden in Richtung Werft. Dort am Tor mussten sie elend lange warten. Die Wache bestand darauf, dass sie von einem der Schiffsoffiziere abgeholt wurden. Bis sie den herangeholt hatten, verging fast eine dreiviertel Stunde. Die vollbusige Tonne in der Wachstube erlaubte ihnen nicht hineinzugehen. In der Kälte wurden sie wieder etwas nüchtern. Harm dankte innerlich – wem auch immer – für das Leben und die Liebe.

"Jetzt müssten wir eigentlich Deputat kriegen!", sagte eines Morgens der Funker und meinte die Brauerei-Gerste. Die rauschte aus langen Rüsseln in die Laderäume. Sie diskutierten über die Menge an Bier, die aus diesem Getreide zu machen sei, keiner hatte eine Ahnung. Der Elektriker ernüchterte sie, als er sagte: Es käme darauf an, wie viel Wasser man nehme.

Schließlich ging's in Richtung Bosporus. Der Wintereinbruch, den sie in Noworossisk erlebten, war ganz Europa zuteil geworden bis in seine südlichen Gefilde. So lag die mittelalterliche Festung des alten Byzanz, auch die Ruinen des Rumeli-Hisari-Schlosses, in tiefem Schnee.

In Saloniki blieb die "Mango" für die paar hundert Tonnen Tabak kaum zwei Tage, so dass Harm die Idee, seine Freundinnen in Piräus zu besuchen, verwarf. Der Bord-Humanist, der Funker, erzählte ihnen, dass Saloniki die Schwester Ale" des Großen gewesen sei, die später die Frau des Makedonier-Königs Kassandros geworden sei, alles sehr lange her. Der Kollege hätte besser Lehrer werden sollen.

Mit seinem zwei Jahre älteren Wach-Ingenieur ging Harm die 12-4-Wache. Nach der Hundewache saßen sie schon mal bei einer Flasche Bier zusammen um zu quatschten. Eines Nachts, irgendwo zwischen Sizilien und Spanien, betrat Harm wieder die Kammer seines Wachings, sagte spontan: "Hier stinkt's!" Sein Kollege hatte das auch schon bemerkt. Sie suchten gemeinsam, fanden unter der Heizung einen toten Spatzen. Der arme Kerl hatte den Sturm überstanden, die Katastrophe dennoch nicht überlebt.

Die Lufttemperaturen im Mittelmeerraum lagen durchweg bei fünf bis acht Grad, für die Gegend ungewöhnlich niedrig. Die Sierra Nevada bei Granada zeigte sich bis in die Täler als Schneegebirge. Die Biscaya blieb ruhig. Sie freuten sich auf zu Hause. In klarer Luft sahen sie Ouessant-Leuchtfeuer nachts quer ab. Die folgende Mittagswache lief zunächst unauffällig.

Plötzlich aber fiel die Drehzahl des Hauptmotors merklich ab. Harm flitzte los, kontrollierte die wichtigsten Messstellen. Alle Abgastemperaturen erhöht, dem Motor wurde eine höhere Leistung abgefordert. Alle Hilfsaggregate arbeiteten normal, keine Störung! An den Wärmetauschern des Hauptmotors kontrollierte er beiläufig die Seewasser-Eintrittstemperatur: minus 1,5 Grad! Das konnte nur Eis bedeuten! Harm berichtete es seinem Chef. Während er noch mit ihm sprach, klingelte das Telefon und die Brücke informierte. Mit Erlaubnis seines Wachingenieurs enterte Harm auf, sah über Bord: Tatsächlich! Eis so weit man sehen konnte! Kleine Schollen noch, bis etwa einen Quadratmeter, maximal zehn Zentimeter dick. Die "Mango" schaffte es, nach Rotterdamhineinzukommen.


© 2005 Detlev Witt



Rezension

"Motoren, singende Turbinen, auf- und abschießende Kolben, rotierende Kurbelwellen sind die Welt des Harm Losrecht. Als Maschinist auf Seeschiffen lernt er die Technik, die Menschen, die Welt und sich selbst kennen ...“ So beginnt der Klappentext dieses Taschenbuchs, in dem Detlef Witt, Jahrgang 1940 und Diplomingenieur für Schiffsbetriebstechnik, seine Erlebnisse auf zahlreichen Schiffen, in nicht minder zahlreichen Häfen und immer wieder in der Heimat seiner Familie verarbeitet hat.

Wer die Seefahrt der späten 50er und 60er Jahre kennt wird viel wieder finden und möglicherweise auch die Menschen und Schiffe, die ihm bei der Lektüre dieses Buches begegnen, wieder erkennen. Manches regt zum Schmunzeln an, manches stimmt nachdenklich. Auch die Erlebnisse, Abenteuer und Probleme mit der Technik sind so richtig aus dem Leben gegriffen, das eine oder andere kennt man heute an Bord nicht mehr, aber vieles ist noch immer geblieben.

Dieses lesenswerte Büchlein steht, wenn auch in der Aufmachung weniger aufwändig und unbebildert, in der gleichen Tradition wie Hein Bruns’ „Ein Schmierer namens Valentin“ und „In Bilgen, Bars und Betten“ oder Karl Helbigs „Seefahrt vor den Feuern“.
Alles in allem sehr empfehlenswert als delikater Appetithappen für Bücherwürmer und Leseratten mit einer Vorliebe für Seefahrtsgeschichten.
H. Meier-Peter, „Schiffsbetriebstechnik“ Flensburg Nr. 192 4/2005
&Schiff und Hafen“, 10/2006, „Antrieb“ Schiffs-, Energie- und Umwelttechnik 8/2006






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