Elke Szepes / Richard Schramm

"Kaisers Geburtstag, Südseeträume
und japanische Ritterehre"                                                         

Eine unfreiwillig lange Reise von 1914 –1920


Elke Szepes

Elke Szepes, geb. 1954 in Zeitz, ist dieEnkelin von Richard Schramm. Nach dem Abitur studierte sie an der Fachschule für angewandte Kunst Schneeberg (Erzgebirge) und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Siearbeitet freischaffend als Malerin und Textilgestalterin in Pfaffendorf im Land Brandenburg und leitet Kurse mit Kindern, Jugendlichen und Behinderten.
Seit drei Jahrensetzt sich Elke Szepes intensiv mit dem Nachlass ihres auseinander und recherchierte in Bibliotheken und Museen zur deutschen Kolonialpolitik im Kaiserreich, zur Völkerkunde, besonders in der Südsee und zur Lage in den japanischen Gefangenenlagern.



Richard Schramm, geb. 1889 in Zeitz (Sachsen), brach seine Kaufmannslehre ab und meldete sich freiwillig zur Marine. 1914 Reise über Singapur und Honkong ins deutsche "Pachtgebiet" Tsingtau in China und weiter über Nagasaki zum Truk-Atoll in der Südsee. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges Gefangennahme durch die Japaner im Oktober 1914. Mehr als fünf Jahre verbrachte er im Lager auf der südjapanischen Insel Kyushu.
Richard Schramm kehrte im März 1920 nach Deutschland zurück und arbeitete während der Weimarer Republik, in der Nazizeit und in der DDR als Schlosser in der ZEMAG Zeitz (Herstellung von Tagebauausrüstungen ). Er ist 1968 in Zeitz verstorben.

Richard Schramm


18 Nächte zur Mitternachtssonne
Am Ende des 19. Jahrhunderts hatten die europäischen Großmächte die Welt unter sich aufgeteilt. Deutschland fühlte sich zu kurz gekommen, Begehrlichkeiten richteten sich nun in Richtung China und Pazifische Inseln. Auch mein Großvater Richard Schramm folgte dem Lockruf des Fernen Ostens und der Südsee. Ein Jahr sollte das Abenteuer Mikronesien im Dienste des deutschen Kaisers dauern – die Vermessung des Truk-Atolls, einer winzigen Inselgruppe im Pazifik. Doch es kam anders ...
Tagebücher, Fotos und einige fremdartige Gegenstände erzählen vom persönlichen Erleben eines weitaus unbekannten Kapitels deutscher Geschichte.



Richard Schramm/Elke Szepes: Kaisers Geburtstag, Südseeträume und japanische Ritterehre. Eine unfreiwillig lange Reise von 1914 bis 1920. Paperback, 212 Seiten, Format 13,5x20 cm. Mit zahlreichen Abbildungen.
ISBN 978-3-939960-13-3 Preis 16,80 Euro



Leseprobe

17. Februar 1914
Nachmittags 2 Uhr sollen wir in Hongkong einlaufen. Alles hatte sich schon zum Landgang fertig gemacht, ... Da kam plötzlich Nebel auf und gleich so dick, daß man keine 20 m weit sehen konnte. ... Erst nach einer Stunde lichtete sich der Nebel etwas, ... Jetzt sahen wir überall eine Menge Dampfer ... auftauchen, einer lag kaum 200 m von uns entfernt. Was hätte das für ein Unglück geben können, wenn wir mit ihm zusammengestoßen wären. Uns überlief es eiskalt.
Vor uns in einiger Entfernung sind im Nebel einige Bergspitzen zu sehen, chinesische Dschunken, die durch ihre eigentümliche Bauart mit den viereckigen Segeln aus Bastmatten auffallen, bewegen sich in großer Anzahl schwerfällig auf dem Wasser. Im Hintergrund taucht schon ein Häusermeer, dahinter ein sehr hoher Berg auf. Es ist die Stadt Victoria auf der Insel Hongkong und der Berg der Peak, von den Engländern zu einer Festung ausgebaut.
...
Um 5 Uhr kamen kleine Dampfer der HAPAG längsseits, die uns an Land brachten. Am Ufer stehen eine Anzahl mächtiger Gebäude, meist Speicher und Geschäftshäuser. Sonst ist das Leben und Treiben in den Straßen wie in Singapore, nur gibt es hier fast nur Chinesen und Europäer, die wenigen Inder sind das Dienerpersonal der Weißen und die Schutzleute. Letztere sind große kräftige Gestalten, die den Chinesen großen Respekt einflößen.

In den Geschäftsstraßen kann man die berühmten Kantoner Elfenbeinschnitzereien und chinesische Goldarbeiten ausliegen sehen. Außerdem sind Rohr- und Korbmöbel sehr billig zu haben. Ganze Elefantenzähne mit sauber ausgeschnitzten Figuren, Blumen und ganzen Szenen werden in den Schaufenstern unter Glas ausgestellt. Sie haben oft einen Wert von 700 Dollar (1400 Mark).
Ehe ich an Bord ging, stattete ich mit noch mehreren Kameraden der Markthalle einen Besuch ab. Geflügel, Fische, Obst und Gemüse ist hier in großen Mengen aufgestapelt und alles sehr billig. Nach einem Rundgang durch die Halle kauften wir ein paar Bananen und Mandarinen, letztere eine kleine Art Apfelsinen, sehr wohlschmeckend.



22. Februar 1914
Gegen 10 Uhr brachen wir wieder auf nach Syfang, mieteten uns jeder eine Rikscha ... Angenehm war es ja nicht bei dem naßkalten Wetter, aber für mich war es etwas Neues ....

Die Kulis rächten sich nun, daß sie uns fahren mußten dadurch, daß sie zweimal einen falschen Weg einschlugen. Mein Kamerad, der ja die Wege kannte, merkte es aber rechtzeitig. Da wir froren, stiegen wir aus und gingen zu Fuß, um etwas warm zu werden. Die Kulis sollten nachkommen, blieben aber zuletzt ganz zurück und verschwanden. So schloß der erste Tag in Tsingtau mit diesem kleinen Erlebnis.


Die Rikschafahrer verdienten ihr Geld nach Zeitdauer der Fahrt, die Tarife waren nach Verordnung festgesetzt ... nach Mitternacht konnte doppelt berechnet werden. Damit verdienteein Rikschafahrer bei einer Fahrt genauso viel wie andere Arbeiter amganzen Tag.
Ab 1911 wurden gummibereifte Rikschas eingeführt, was die Fahrt noch bequemer machte. Da sich europäische Fahrgäste oft über Unsauberkeit, Trägheit und Gestank der Kulis beschwerten, erließ die Polizei Sonderbestimmungen, die z. B. das in China obligatorische Essen von Knoblauch verboten.
Um 1909 gab es in Tsingtau schätzungsweise 600 Rikschas... Sie waren das am meisten verbreitete Verkehrsmittel, das die Bewohner von Stadt und Umgebung täglich benutzten ...


24. Februar 1914
Spinnerei und Weberei ist fast in jedem Hause, ebenfalls eine Mühle. Dieselbe besteht aus einem zylindrischen Stein, auf welchem ein zweiter liegt. Oben wird durch ein trichterförmiges Loch die Frucht, entweder Bohnen oder Weizen, hineingetan. Am oberen Stein ist als Handholz ein waagerechtes Holz befestigt, vermittels dessen der Stein in Drehung versetzt wird. Die Mühle setzt entweder eine Frau, die unermüdlich um den Stein herum läuft, oder, wenn die Familie im Besitz eines Esels ist, derselbe in Tätigkeit.

Wenn die Frauen über Land ziehen, so reiten sie meist auf einem Maultier oder Esel ... trägt das Reittier am Sattel zwei offene Körbe ...Oft stehen in den Körben kleine Chinesenkinder ...


7. Mai 1914
Das Truk-Atoll besteht aus einem von Koralleninseln und Riffen gebildeten Riffgürtel mit mehreren Einfahrten, innerhalb desselben liegen mehrere größere Inseln, die bis zu 420 m aus dem Wasser herausragen mit Namen Udot, Wela, Fefan Toloas und Uman, außerdem liegen noch eine Menge kleinerer Inseln verstreut innerhalb des Atolls, es sind meist flache Sandinseln ...
An Früchten gibt es Bananen, Ananas, Mangos und Papaias. Angebaut werden Jam, Süßkartoffeln, Taros und Maniokwurzeln.
Die Inseln sind meist von einem dichten Mangrovensumpf umgeben. Die Tierwelt ist nur durch Tauben, kleine Vögel und bunte Eidechsen vertreten. Die See ist reich an Fischen ...

Die Eingeborenen sind ein friedliches, aber faules und schmutziges Volk ... Ihre Nahrung besteht in der Hauptsache aus Brotfrüchten und Kokosnüssen und Fischen ...
Die Brotfruchtbäume tragen nur ein paar Monate im Jahr und Fische gibt es bei ihrer primitiven Fangweise auch nicht immer.
Die Fische werden entweder des Nachts bei Fackelbeleuchtung mit Speeren gestochen oder durch Frauen mittels Handnetzen gefangen. Bei letzter Methode haben die Frauen in jeder Hand ein Netz, stellen sich im großen Kreis im Wasser auf, wobei ihnen dasselbe oft bis an den Hals reicht, und jagen die Fische nach der Mitte zu. Dabei fangen sie aber nur kleinere, die dann auf einem Stück glimmenden Holz etwas angeröstet werden und mit Brotfrucht verspeist.
Die Brotfrucht wird entweder über hellem Feuer geröstet oder geschält und einige Wochen in die Erde eingegraben. Dabei fängt sie an zu gären und bildet einen Brei, der Korn genannt wird.
... Die Speisen werden entweder im offenen Feuer [gegart[ oder roh verzehrt. Auch sind Schnecken, Muscheln und Würmer, die die Frauen bei Ebbe auf dem Riff sammeln, sehr beliebt. Tintenfische, die gekocht werden, sind eine Delikatesse ...

Die Kleidung der Männer besteht meist nur aus einem Lendenschurz, oder sie putzen sich mit den abgetragenen Sachen der Europäer höchst originell auf. Die Frauen tragen eine aus Kokosfaser gewebte Matte. Der Oberkörper wird mit einem langen Tuch bekleidet, welches in der Mitte ein Loch hat, durch welches der Kopf hindurchgesteckt wird. An den Armen tragen sie meist Spangen aus Schildpatt.

Das Wort "Kanaka" stammt ursprünglich von Hawaii und bedeutet "Mensch". Es wurde später von den Europäern für alle Bewohner des Südseeraumes verwendet.
Feste werden meist bei Vollmond abgehalten und sind mit Gesang, Tänzen und großen Schmausereien verbunden.



20. August 1914
... Auf der Insel Angaur wird Phosphat gewonnen, der von eingeborenen Arbeitern, die in der ganzen Südsee zusammengeholt werden, zu Tage gefördert wird.

Ein Südseemärchen (gekürzt)
Es war einmal eine Insel im weiten Ozean, die war so klein, dass man sie an einem Tag zu Fuß umrunden konnte. Die Menschen dort lebten glücklich und zufrieden. Sie waren unerschrockene Krieger, trieben Landwirtschaft in bescheidenem Umfang, denn auf ihrer Insel gab es nur wenig Wasser. Sie fischten und sammelten die Früchte des Meeres. Mit ihren Booten fuhren sie zu anderen Inseln, um Verwandte zu besuchen.

Eines Tages kamen weiße Männer mit Schnauzbärten aus einem fernen Land und entdeckten auf ihrer Insel Phosphat. Die weißen Männer nahmen die Insel in Besitz und begannen, das Phosphat abzubauen. Als Arbeiter holten sich die weißen Männer Menschen aus China und von den Nachbarinseln, denn die eigentlichen Bewohner waren unzuverlässig. Nach vielen Jahren zogen die weißen Männer ab..
Den weißen Männern folgten die gelben Männer. Auch diese mussten die Insel verlassen.

Nun begannen die Inselbewohner, selbst das Phosphat abzubauen. Die Insel war inzwischen im Inneren zerstört, der Wald vernichtet. Bäume und Pflanzen gab es nur noch am schmalen Küstensaum. Doch darüber machten sich die Menschen keine Gedanken. Sie konnten das Phosphat nun selbst verkaufen und verdienten sehr viel Geld. Jeder Inselbewohner baute sich ein großes Haus aus Stein und edlen Materialien mit einer Terrasse mit Blick zum Meer. In den Häusern gab es schöne Badezimmer, handgefertigte Möbel und teure Stoffe zur Ausstattung der großzügigen Räume. Man errichtete auch ein Krankenhaus nach dem neuesten Stand der Technik und medizinischer Erkenntnisse. Die Kinder gingen in eine gute Schule, es fuhren Autos und Busse auf der Insel.

Weil die Inselbewohner so viel Geld hatten, gaben sie die Landwirtschaft auf, gingen nicht mehr zum Fischen und sammelten auch nicht mehr die Früchte des Meeres. Sie importierten Fertignahrung aus der Dose, große Mengen Rindersteaks und tranken Coca-Cola. Sie wurden immer dicker, viele von ihnen wurden zuckerkrank und starben.
Die Menschen machten sich keine Sorgen und gaben das Geld mit Freuden und mit vollen Händen aus. Die kleine Insel wurde zum zweitreichsten Land der Welt.

Doch dann wurde das Phosphat immer weniger und am Ende war es ganz alle. Etwas anderes gab es auf der Insel nicht, was man verkaufen konnte. Die Bank hatte kein Geld mehr, das Krankenhaus und die schönen Häuser verfielen. In der Schule gab es nur noch alte zerfledderte Bücher. Die Autos und Busse fuhren nicht mehr, sie rosteten vor sich hin und wurden von Schlingpflanzen überwuchert. Die Kinder nutzten die Autofriedhöfe als Abenteuerspielplätze. Ein einziger Lastwagen brachte noch Trinkwasser, denn eine Quelle gab es nicht auf der Insel.

Die Bewohner verkauften die letzten Habseligkeiten und versuchten sich zu erinnern, wie sie früher gelebt hatten. Sie hatten verlernt, Fische zu fangen, Muscheln zu sammeln und Felder anzulegen. Heilpflanzen waren in Vergessenheit geraten, das Krankenhaus eine Ruine. Der Wald war abgeholzt, in der Mitte der Insel klaffte ein riesiges Loch. Kam ein Fremder auf die Insel, was nun selten vorkam, so hatte er den Eindruck, sie sei von einem Taifun verwüstet worden. Doch die Verwüstung war Menschenwerk.

Die Insel heißt "Nauru" und gehörte zur deutschen Südsee. Das Märchen von Nauru ist wahr.


30. Oktober 1914
Heute früh 6 Uhr in Schimonoseki ... kamen am Mittag in Kurume an.
... die Stadt Kurume liegt im Norden dieser Insel. Bewusst wurden größere Orte im südlichen Teil der Hauptinsel Honshu und auf der Südinsel Kyushu wegen des milden Klimas zur Unterbringung der Gefangenen ausgewählt. Wie in Tsingtau, so ist auch im südlichen Japan durch die aus Sibirien stammenden kalten Winde das Klima kühler, als es normalerweise den Breitengraden entsprechen würde.
Mit uns waren einige Offiziere der Heilsarmee, anscheinend Amerikaner oder Engländer, gefahren. Einer sprach deutsch und erzählte uns, daß er im vorigen Jahr in unseren deutschen Städten gewesen war. Er gab uns jedem noch einen schönen Apfel. Es wurde ihm aber von dem Offizier jede weitere Unterhaltung mit uns untersagt. Auf dem Bahnhof in Kurume wurden wir von einem deutschsprechenden Offizier und 2 Mann mit Gewehr abgeholt und gingen ungefähr eine halbe Stunde nach einem alten Tempel ...

Bewohne hier mit noch 3 Kameraden 2 Zimmer, ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Beide gleich groß, ungefähr 3 x 4 Meter und etwas über 2 Meter hoch. Die Vorder- und Rückenwände bestehen aus verschiebbaren Holzgittern, die mit dünnem Papier überklebt sind. Der Fußboden ist mit Strohmatten bedeckt, so daß wir innerhalb der Stube in Strümpfen gehen müssen. Außerdem ist noch eine Kantine eingerichtet, in der Bier, Konserven, Obst und Rauchwaren zu haben sind.
Das Essen wird von einem Japaner gekocht, soll aber später von einem unter uns befindlichen Koch zubereitet werden. Eine Küche ist schon im Bau. Viel wert ist das Essen ja nicht, was die japanischen Köche da zusammenbrauen. Die erste Mahlzeit hat mir nach der langen Entbehrung großartig geschmeckt, wenn sie auch nur aus Zwiebelsuppe und viel Talg und Kartoffeln und fast kalt, bestand. In der Küche werden nämlich, nachdem das Essen fertig ist, sämtliche 54 Teller aufgefüllt und dann verteilt, so ist es natürlich meist kalt, wenn wir es bekommen.



24. Januar 1915
Die japanische Behörde bringt uns viel Vertrauen entgegen. Bis jetzt wurde immer morgens und abends von einem Offizier rundgegangen und er zählte dabei die Häupter seiner Lieben. Das fällt nun weg und es wird nur noch abends 5.30 Uhr angetreten und abgezählt, wobei ein japanischer Offizier zugegen ist. Es wurde damit begründet, daß man höheren Ortes eingesehen hätte, daß hier wohl keiner Lust hatte, auszurücken, und wir uns bis jetzt zu ihrer Zufriedenheit aufgeführt hätten.
In anderen Gefangenenlagern sind schon verschiedene Fluchtversuche unternommen worden, aber alle mißglückt. In einem Lande, wo es so wenig Europäer gibt, ist es ja auch fast ausgeschlossen, wegzukommen. Die armen Kameraden müssen nun ihren Fluchtversuch mit Gefängnis büßen.



26. Januar 1915
Morgen ist ja Kaisers Geburtstag, da ist nun für heute Abend großer Fackelzug angesagt. Der Zapfenstreich ist schon einige Tage eingeübt worden. Unsere Kapelle besteht aus einer Trommel, einer Querpfeife, Geige, ein paar Mundharmonikas, Ziehharmonika, Triangel, Becken und einem Cello. Letzteres hat ein Seesoldat, von Beruf Zimmermann, angefertigt und es klingt sehr gut.


17. Februa 1915
Laut Befehl des japanischen Kaisers soll die Behandlung der Gefangenen nach wie vor so bleiben, dies verlangt die Ehre des japanischen Rittertums. Der Major ermahnte uns noch, uns weiter so gut zu führen und die deutsche Disziplin festzuhalten.


Obwohl das Lager Kurume unter allen Lagern den schlechtesten Ruf genoss, entwickelte sich auch dort ein reiches kulturelles und sportliches Leben, wie die Fotos vom Orchester, vom Chor, verschiedenen Theateraufführungen, vom Turnverein und den jährlich stattfindenden Kunst- und Gewerbe-Ausstellungen im Album meines Großvaters dokumentieren.

In allen Lagern außer Kurume war es den Deutschen erlaubt, Haustiere zu halten. Wenn auch nicht an Tieren, so konnten sich die Gefangenen in Kurume an den subtropischen Pflanzen erfreuen.
Viele legten sich einen kleinen Garten vor ihrer Baracke an, so auch mein Großvater. Das Gärtnern blieb dann auch sein lebenslanges Hobby, sein Rentenalter verbrachte er fast ausschließlich im Garten.

Ausflug ins Kurasan-Gebirge, Mai 1918


31. Dezember 1919
Heute Abend 10.34 Uhr fährt unser Zug, endlich ist es soweit .... Endlich ... war der Zeitpunkt gekommen, wo wir unser Gefängnis, das uns 5 Jahre und 2 Monate von der Außenwelt abschloß, verlassen sollten.


5. März 1920
10 Uhr vormittags Abfahrt in Oldenburg, großer Empfang mit Musik. Kleine Mädchen verteilen Obst, Rauchwaren und Blumen. Auch Kaffee gab es. In Bremen Musik, Kaffee, Zigarren und viel gedrucktes Papier. Stendal – Musik, Kaffee und Zwieback. Magdeburg – Kaffee, keine Musik, da schon 11 Uhr nachts. Von hier aus Schnellzug bis Leipzig. Hier Nudeln und Bratklops und ein Glas Bier ... 7 Uhr morgens weiter nach Zeitz, Ankunft gegen 9 Uhr.


© 2011 Elke Szepes