Wilfried Pröger "Der Baum"           

Ein Märchen der Zeit


Eines Morgens gingen der Mann und die Frau in den Garten, um den Herbst zu sehen. Der Sturm fegte über die Gartenwiese. In Nachbars Garten leuchtete der Ahornbaum in glühendem Gelb und Rot. Seine Blätter tanzten im Wind und bedeckten die Nachbarwiese wie ein bunter Teppich. Kein einziges Blatt segelte über den Gartenzaun. Die junge Frau wurde traurig.

"Was schaust du so traurig?" fragte der Mann, "es ist doch ein schöner, bunter Herbsttag!"
"Ja, ein schöner Herbsttag, aber nicht bei uns. Wir haben keinen Baum, der uns die Zeit anzeigt", entgegnete die Frau.
Wie sie so freudlos in den Garten sah, kam ihr eine Idee: "Komm, lass uns einen Baum pflanzen, einen schöneren als ihn der Nachbar hat."
Der Mann wiegte bedächtig den Kopf:
"Ein Baum braucht Zeit, viele Jahre, um ihn aufzuziehen und hoch wachsen lassen. Wir werden lange Zeit keinen so prächtigen Baum wie der Nachbar haben können."

Die junge Frau ließ nicht davon ab. Sie kauften einen Setzling und pflanzten ihn noch im Herbst. Der Winter wurde kalt und hart. Erst hüllte ein Schneetreiben den Kleinen ein. Dann gab es Eisregen, der sich an die dünnen Zweige heftete. Die Frau bangte um den Baum. Sie nahm die Eisklümpchen von den Ästchen, damit sie nicht brachen. Sie betete in der Nacht, der Winter solle bald ein Ende nehmen und das Bäumchen nicht erfrieren lassen. Sie gab dem Kleinen in der Eiseskälte ihre wärmende Liebe.

Eines Nachts wurde ihr Gebet erhört und ein warmer Wind zog auf. Schnee und Eis verschwanden. Winterlinge, Schneeglöckchen, Krokusse und winzige Gänseblümchen reckten sich zur frühen Sonne. Das Bäumchen aber stand kahl und die Frau bat ihren Mann: "Tu was, dass er zum Leben erwacht!"
Der Mann hatte keinen anderen Trost als zu sagen: "Wir können nur warten, ob er den Winter überstanden hat."
Jeden Morgen ging die Frau zum Bäumchen und bat ihn, er möge mit einem grünen Blättchen zeigen, ob er noch lebe.

Lange zögerte der Setzling. Der Ahorn vom Nachbarn hatte längst ausgeschlagen. Frisches Grün leuchtete von seinen Ästen. Der Mann meinte, der Winter wäre zu hart gewesen, und es käme ja wieder eine Herbstzeit. Man müsse eben noch einmal pflanzen. Doch in ihrer Liebe zu dem Bäumchen gab die Frau nicht auf. Jeden Tag besuchte sie ihn und sprach ihm gut zu.
Soviel Glaube an das Leben muss dem Baum Kraft gegeben haben. Eines Morgens zeigte er ein kleines, taufrisches Blättchen. Tränen der Freude traten der Frau in die Augen und gaben dem Bäumchen Kraft.

Da nahm das Grünen und Blühen kein Ende. Das Bäumchen streckte sich und ließ neue Äste aus dem Stamm treiben. Es war, als könne man ihn wachsen sehen. Die Frau packte ihren Mann und wirbelte ihn im Kreise herum, so sehr freute sie sich. Der Baum schien das Glück zu spüren und schoss in die Höhe.
"He, nicht so schnell", grummelte der Mann und holte eine Gartenschere. "Du darfst uns nicht so schnell über den Kopf wachsen." Er schnitt die steilsten Triebe ab.

Jeder Schnitt tat der Frau weh und ihr war, als ob sie den Baum weinen hörte. Der Mann aber erklärte ihr, dass ein Baum erzogen werden müsse, sonst würde nichts Gescheites aus ihm.
Im Jahr darauf strebten die Äste in die Sonne. Um aus dem Schatten von Nachbars Ahorn zu kommen, neigte der junge Baum seine Äste zur Seite, von wo er mehr Licht und Wärme erhielt. Dem Mann jedoch missfiel der sich schräg dehnende Baum.

So holte er eine Leiter und stutzte ihm die Äste, die nicht nach seinem Willen wuchsen. So ging er Jahr für Jahr mit der Säge zum Baum. Die Frau hatte das Grämen darüber verlernt.
Der Mann war stolz auf sein Tun und sagte: "Sieh mal, wie ich ihn zurechtgebogen habe. Nach meinem Willen ist er gewachsen."
So hatten sich beide an den Baum gewöhnt und hörten nicht seine Klagen: "Wo ist die Liebe, die mich den kalten Winter überstehen ließ? Wo ist die Freude, als meine ersten Blättchen grünten? Statt Freiheit zu wachsen, muss ich Jahr für Jahr Schmerzen ertragen."

Die Leute wurden alt. Der Baum aber überlebte sie. So kam es, dass neue Bewohner einzogen und den Garten in Besitz nahmen. Zu Mann und Frau gehörten Zwillinge: Mädchen und Junge.
Sie riefen wie aus einem Munde: "Seht mal, wir haben einen Baum im Garten!"
Alle vier standen um ihn herum und machten sich mit dem Baum bekannt. Das Mädchen besah ihn sich und sprach aus, was es fühlte: "Ich glaube, der Baum ist traurig." So auch der Junge: "Ja, er scheint sich gar nicht zu freuen."

"Vielleicht", meinte der Vater, "weiß er nicht, ob wir ihn gern haben und in unsere Familie aufnehmen werden. Immerhin gibt es Menschen, denen die Bäume im Wege sind." Und die Mutter ergänzte: "Es kann sein, dass er viel ertragen musste, so verschnitten, wie er aussieht."
Die Kinder riefen: "Wir wollen ihn für immer behalten und fröhlich machen", fassten sich an den Händen und tanzten um ihn herum.

"Schön und gut", sagte der Vater, "doch das genügt nicht. Geben wir ihm Wasser, wenn es zu trocken ist, und Nahrung, wenn der Wurzelboden zu karg wird." Schließlich hatten die Kinder die beste Idee: "Wir stellen den Gartentisch unter sein Blätterdach, so kann er uns hören, und wir werden mit ihm singen und lachen."
Der Baum zeigte den Frühling an, spendete in der Hitze Schatten und ließ im Herbst die bunten Blätter tanzen. So lebten sie glücklich mit ihm.


© 2010 Wilfried Pröger


Wilfried Pröger: Du Märchen