Anke Krügel: "Auftakt für Rica"                               


Anke Krügel, 1972 in Strausberg bei Berlin geboren, war nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Berliner Humboldt-Universität als Bankerin in Leipzig tätig. Daneben absolvierte sie Praktika und Volontariate im journalistischen Bereich und nahm an Schreibwerkstätten für Prosa und Theater teil. Seit 2001 lebt und arbeitet sie in Italien bzw. der Schweiz. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der Roman "Auftakt für Rica" entstand Ende der 90er Jahre in Leipzig.
Ricas Geschichte spiegelt das Lebensgefühl einer Generation, der erklärt wurde, dass ein geregeltes Einkommen in einem von der Gesellschaft als attraktiv betrachteten Job und dazu ein nettes Privatleben das Glück ausmachen.

Rica, 28, eine attraktive junge Frau, kann eigentlich nur glücklich sein. Sie hat einen gutbezahlten Job, hat Freunde, eine schöne kleine Wohnung. Nur in Liebesdingen hat sie bisher noch nicht das große Los gezogen. Als Peter in ihr Leben tritt, scheint alles anders zu werden, aber dann trifft sie Thorsten – Peters Freund ...
Was wie eine klassische Dreierbeziehung daherkommt wird immer mehr zur Suche nach dem richtigen Leben. Rica geht den Weg, den man von ihr erwartet. Doch immer öfter drängt sich die unbequeme Frage auf: Und wenn alles ein großer Irrtum gewesen war? Ihr bisheriges Leben ein Missverständnis?
Dann trifft sie ihre Freundin aus Kindheitstagen wieder. Viola hat, im Gegensatz zu ihr, das Klavierspielen nie aufgegeben. Als Ricas Traum von der großen Karriere als Konzertpianistin geplatzt war, hatte sie die Musik von einem Tag auf den anderen an den Nagel gehängt. Ein Fehler, wie ihr jetzt klar wird.
Ein Frauenroman, der bewusst auf flotte Sprüche und unverbindliche Unterhaltung rund um das Singledasein verzichtet. Er beleuchtet die Hintergründe dieses Phänomens: Glücksanspruch und Langeweile in einer Erfolgs- und Konsumgesellschaft, Einsamkeit und Lebenshunger.

Anke Krügell:Auftakt für Rica. Format 13,5 x 20 cm, Paperback, 218 Seiten
ISBN 978-3-939960-14-0Preis: 9,80 Euro



Leseprobe

Ricas Herz klopfte ungewöhnlich laut, als sie den Saal betraten. Sie wollte sich beherrschen. Das war doch albern, was sollte denn passieren. Sie würde ihre ehemalige Freundin, beste Freundin, spielen sehen. Hören. Na und? Sie wusste, dass Viola hin und wieder auftrat, seit sie ihren Job gekündigt hatte, um für die Kinder zu Hause zu bleiben. Sie hatte sich für sie gefreut. Und insgeheim gedacht, dass es ja nur Dorffeste wie diese hier sein würden, auf denen sie spielte. Das wäre für Rica nie in Frage gekommen. Sie wollte immer Alles oder Nichts. Eine Sache ganz machen, so richtig. Konzertpianistin. Oder es sein lassen. Die Beste sein. Oder aufgeben.

Sie hatten Plätze in der dritten Reihe, rechts außen. Rechts, wo das Klavier stand. Es sollte ein sogenannter bunter Abend werden. Mit Gesang, Tanzbeiträgen, Instrumentalstücken. Rica schlug das blass-grüne Faltblatt auf, das man ihnen am Eingang gegeben hatte. Ihre Augen flogen über die Zeilen, suchten diesen einen Namen. Da! Viola Neumann, Klaviersonate A-Dur D959 von Franz Schubert. Ausgerechnet dieses Stück. Das hatten sie damals immer wieder zusammen geübt, fürs Vorspiel an der Musikschule.
Rica schaute sich im Saal um. Er war etwa halbgefüllt, es mussten vielleicht 50 Leute sein. Aber es waren auch noch zehn Minuten Zeit. Sie sah bekannte Gesichter, nickte einigen von ihnen zu. Manche hatten sich richtig fein gemacht, so ging man in der Stadt nicht mal in die Oper. Aber es war ein besonderer Abend für den Ort, so oft gab es hier keine Konzerte. Der Klubsaal wurde stattdessen immer noch für die Dorfdisko und Tanzabende genutzt.
Ricas Blick blieb an der kleinen Eckbar hängen. Ganz mit Holz getäfelt. Sie musste schmunzeln. Wie spießig, fast muffig doch die Orte der Jugend heute wirken konnten. Damals waren sie die Welt gewesen. Die Versprechen auf all das, was käme. Wie viele "Grüne Wiese" hatte sie da getrunken? Dieses zuckersüße Zeug aus Curacao und Orangensaft. Später dann auch Sekt oder Martini.

"Mensch, Rica, bist du das?" Von hinten klopfte ihr jemand forsch auf die Schulter. Sie drehte sich um und zögerte einen Moment. Wer war das jetzt? Der junge Mann schien die Fragezeichen in Ricas Blick zu sehen und entschied, sich vorzustellen. "Kennst du mich nicht mehr? Stefan, deine Parallelklasse."
Ach so. Rica lächelte. "Du hast dich, ähm, rausgemacht."
Stefan stieg kurzentschlossen über den Stuhl, um in Ricas Reihe zu kommen. Er streckte ihr die Hand hin. "Na du aber auch. Obwohl, das Gesicht ist immer noch das alte, also das junge, ha, ha."
Sehr witzig. Rica wusste nicht, worüber sie sich jetzt mit diesem Stefan unterhalten sollte. Damals in der Schule hatten sie das schließlich auch nicht getan.
"Darf ich? Der Platz scheint ja frei zu bleiben." Er saß bereits neben ihr. "Bist du allein hier?", fragte Stefan. Dabei registrierte Rica sehr wohl, dass sein Blick, wenn auch flüchtig, an ihren Beinen entlangmarschiert war. Sie hatte, sehr zur Freude ihrer Mutter, einen Rock angezogen. Knielang. Jetzt im Sitzen war er freilich etwas höher gerutscht. Rica schob die Handtasche etwas nach vorn, so dass sie ihre Knie bedeckte. "Nein, wieso?", antwortete sie und schaute ihm dabei provozierend in die Augen. Wie sie es erwartet hatte, wich er ihrem Blick verunsichert aus.
"Ich bin mit meinen Eltern da" sagte sie nach einer langen Minute Schweigen.
Stefan fuhr sich nervös durch die Haare. "Ach das sind, ich wusste nicht ..."

Rica lächelte. "Schon gut, wie solltest du?" Wo er nun einmal da saß, beschloss Rica, konnte sie ja ein wenig Interesse vorspielen. "Wohnst du immer noch hier?"
Stefan schien erleichtert aufzuatmen. Er hätte nicht gewusst, was er als nächstes hätte sagen sollen. Er begann zu erzählen. Dass er nach der Schule eine KfZ-Lehre angefangen, nach anderthalb Jahren aber abgebrochen hatte, um zum Militär zu gehen. Auch das war nichts für länger gewesen. Schließlich hatte er sich umschulen lassen und war jetzt Außenhandelskaufmann in einer Firma in der Kreisstadt. "Da macht man sich die Finger nicht so schmutzig, weißt du."
Rica warf einen Blick auf seine Hände. Ja, sehr gepflegt, fast schön. Für Rica waren die Hände eines Mannes sehr wichtig, gefielen sie ihr nicht, ging gar nichts. Auch der Rest von Stefan war nicht übel, objektiv betrachtet. Etwa eins achtzig groß, dunkelblondes, leicht gewelltes Haar, graue Augen. Der Körper nicht unsportlich.

Aber Rica betrachtete Männer nun mal nicht objektiv, sondern höchst subjektiv, mit ihren eigenen hoch spezialisierten Filtern. Wo die herkamen, wie die entstanden waren? Das würde Rica selbst zu gern wissen. Wie viel größer wäre doch die Auswahl, wie viel unterhaltsamer und vielleicht glücklicher wäre das Leben, gäbe es nicht diese Raster im Kopf. Durch die Raster in Ricas Kopf fielen schätzungsweise 98,5 Prozent auf den ersten Blick. Auf den zweiten dann noch mal 50 Prozent der Restmenge. Schade eigentlich.
Stefan schien diese Gedanken nicht lesen zu können. Immer enthusiastischer fuhr er fort, Rica sein Leben, oder zumindest das der letzten zehn Jahre, auszubreiten. Als gälte es, sich als optimaler Heiratskandidat zu präsentieren. Rica streute hin und wieder ein "Ach so", – "Ach ja" oder auch mal ein "Nein wirklich" dazwischen.
Das signalisiere Interesse und die Fähigkeit, zuhören zu können. Hatte sie in einem Verhaltenstraining in der Firma gelernt. Erst als Stefan sie fragte:"Und du, willst du eigentlich Kinder?", wachte Rica auf. Bitte wie? Was hatte er jetzt gefragt? Hatte er etwa vorher von seinen Kindern erzählt? Rica erinnerte sich nicht an seine, suchte jetzt nach ihren Worten. "Ich, ähm, weiß nicht. Sicher. Irgendwann sicher."
Ein Glockenschlag brachte die Erlösung. Das Programm begann. Rica lächelte ihrem Unterhalter noch einmal zu und deutete mit dem Kopf nach vorn. Hoffentlich hielt der seine Klappe jetzt.

"Netter junger Mann, wer war das doch gleich? Das Gesicht kommt mir bekannt vor." Ihre Mutter flüsterte, während sie ihr einen Kaugummi anbot. Rica nahm den Kaugummi und lachte nur. "Erzähl ich dir nachher."
Die nächste Stunde zog sich für sie qualvoll in die Länge. Dann war es soweit, eine große, kräftige Frau betrat die Bühne. Sie trug einen schwarzen langen Rock und eine silberfarbene, schimmernde Bluse. Wie elegant, dachte Rica. Das hier war doch nur ein Ortsfest, nicht die Oper. Rica sah, wie selbstsicher sich Viola da oben bewegte. Ihre Freundin schien Routine zu haben, verbeugte sich kurz vor dem Publikum, ehe sie den Rock leicht anhob und sich an das Klavier setzte.
Violas langes blondes Haar war zum Zopf gebunden. Um das füllige Haar hatte Rica ihre Freundin immer beneidet. Und um seine Farbe. Weizenblond. Im Sommer mit Glanzlichtern überzogen. Die ersten Sonnenstrahlen zauberten sie hinein. In der Drogerie konnte Viola an den Regalen mit Haarfarben und Tönungen getrost vorbeigehen. Etwas von Natur so Schönes brauchte keine Nachhilfe mit Chemie.

Täuschte sich Rica, oder hatte Viola gerade eben zu ihr rübergeschaut? Nein, sie wartete wohl nur, dass der Moderator seine Ansage beendete, und ließ den Blick derweil durch den Saal wandern, ohne wirklich jemanden anzuschauen. Rica hätte nicht sagen können, was der Moderator gerade erzählt hatte. Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf die Frau, die gleich zu spielen beginnen würde.
Rica schloss einen Moment lang die Augen, ihr war als ob ihre eigenen Finger die Ausgangsstellung einnahmen. Plötzlich war alles wieder da, sie erinnerte sich haargenau an den Einstieg in das Stück. Deshalb hörte sie auch die ersten Töne, noch ehe Viola sie überhaupt angespielt hatte.
Rica schaute jetzt nicht mehr zum Klavier, sondern irgendwo in den Raum hinein, durch den Bühnenvorhang hindurch, ins Nichts. Wie wäre es wohl, jetzt an Violas Stelle da oben zu sitzen? Würde Sie Lampenfieber haben, wie damals bei den Auftritten, die sie während der Musikschulzeit gehabt hatte? Es war jedes Mal das Gleiche gewesen. Die ersten Minuten schien jemand anderes, nicht Rica selbst zu spielen. Es war immer, als ob sie sich selbst spielen hörte bei ihren Auftritten. Aber das nur zu Beginn, irgendwann war sie dann ganz dabei und vergaß das Publikum, die Aufregung, war ganz auf das Spiel konzentriert.

Ein Ellenbogen in ihrer Hüfte riss Rica aus den Gedanken. "Kennst du die noch? Die ging bei uns in die Schule", teilte Stefan ihr mit. Und ob ich die kenne, dachte Rica und antwortete nicht. "Sag mal, weinst du? Was ist denn?" Auch das noch. Jetzt hatte er die Tränen in ihren Augen gesehen. Rica kramte nach einem Taschentuch. Sie fand es nicht und wischte stattdessen mit den Fingerspitzen unter den Augen entlang. "Alles in Ordnung", zischte sie Stefan zu, der ganz nervös neben ihr herumzappelte, als wolle er den Notarzt rufen. "Manche Musik macht mich für einen Moment lang traurig, kennst du das nicht?" Rica musste jetzt selbst lachen. Stefan schaute sie nur verständnislos an. "Nein, das ist komisch." "Komisch, genau, und siehst du, ich lache ja schon wieder."

Rica bedankte sich insgeheim bei ihrem Nachbarn, dass er sie mit seinem Erstaunen in die Realität zurückgeholt hatte. So hatte sie dieses beklemmende Gefühl, das ihr die Kehle hochgestiegen war, wieder in den Griff bekommen. Sie konnte jetzt ein wenig entspannter dem zweiten Stück zuhören, das Viola nach einzelnen Zugaberufen begonnen hatte. Rica kannte es nicht, es war ein aktuelles Werk eines polnischen Komponisten, so hatte Viola es selbst angekündigt. Sie beschäftigte sich also mit modernen Stücken.
Rica schämte sich selbst dafür, angenommen zu haben, dass Viola nur so zum Spaß einige Stücke aus dem alten Repertoire aufgefrischt hatte, um damit über Land zu tingeln. Sie klatschte jetzt lauter als nach dem ersten Stück und versuchte Violas Blick dabei einzufangen. Aber die schaute nur in die erste Reihe, wo vermutlich Bekannte oder ihre Familie saßen.
Als hätte ihre Mutter Ricas Gedanken erraten, rief sie ihr gegen den Beifall zu: "Geh doch einfach nachher an den Hinterausgang, da kannst du sie bestimmt treffen und mit ihr reden."
Rica räusperte sich. "Hat sie schön gemacht, oder?", fügte Ihre Mutter noch hinzu. "Ja."

Rica wusste nicht, ob sie sich wirklich wünschte, mit Viola zu sprechen. Was würde sie ihr sagen? Viola hatte sehr gut gespielt, darauf war sie nicht gefasst gewesen. War es Neid, der ihr jetzt zu schaffen machte? Nein, ganz sicher nicht.
Aber Rica hatte Angst vor der Frage, ob sie denn auch noch spielte. Ihre so schön zurechtargumentierte Begründung, sie würde ja keine Zeit mehr haben, ausreichend zu üben, kam ihr plötzlich so schwach vor. Viola hatte garantiert noch viel weniger Zeit, allein mit zwei kleinen Kindern. Dass sie da so ein Niveau halten konnte, war einfach klasse.
Rica wusste wirklich nicht, wie sie auf Viola zugehen sollte. Nach der langen Zeit, die sie sich nicht gesehen hatten. Aber vielleicht musste sie es einfach tun. Ohne vorbereitete Antworten.


© 2011 Anke Krügel