Rico Jalowietzki  "Das Geheimnis der Karpfenteiche"



Rico Jalowietzki, Jahrgang 1974, Studium der Kulturwissenschaften
in Frankfurt (Oder). War mehrere Jahre als Redakteur bei einer
Tageszeitung tätig.
2005 erschien sein erstes Buch Der Volontär im Verlag die Furt.

Das Geheimnis der Karpfenteiche. Ein Märchen aus Booßen




Das Geheimnis der Karpfenteiche ist ein Märchen aus Booßen
bei Frankfurt (Oder) und wurde illustriert von Evelin Grunemann


Rico Jalowietzki: Das Geheimnis der Karpfenteiche. Ein Märchen aus Booßen. Format 14,8 x 21 cm, Paperback, 74 Seiten mit 12 Illustrationen von Evelin Grunemann
ISBN 978-3-939960-01-0 Preis: 9,50 Euro




Der arme Bauernjunge Philipp wünscht sich nichts sehnlicher als eine Kutsche, mit der er auf weite Reisen gehen kann. Nur mit Hilfe der magischen Kräfte von Hexe Tara geht sein Traum in Erfüllung. Doch die Zauberin verlangt Gegenleistungen, die Philipp allesamt nicht erbringen kann. Zur Strafe belegt Tara den Bauernjungen mit einem Fluch. Philipp muss hinter das vom Mädchen Caroline gehütete Geheimnis der Booßener Karpfenteiche kommen, um der bösen Magie der Hexe entfliehen zu können.


Philipp erschrak. So ein hässliches Wesen hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Tara war etwa zwei Meter groß, hatte Storchenbeine und Krähenfüße, die in goldenen Sommerschuhen steckten, die früher einer Prinzessin gehört haben mussten. Ihr Körper war in von Motten zerfressene Lumpen gehüllt ... Ihr Antlitz hatte eine dunkelbraun-lederige Haut mit derart tiefen Falten, dass sie Philipp an frisch gezogene Furchen auf einem Feld erinnerten. Die spitze Nase schien lang wie ein Hammerstiel zu sein.
Die Hexe gähnte gelangweilt vor sich hin. Dabei konnte er sehen, dass sie nur noch einen einzigen verfaulten Eckzahn im Mund hatte.
Tara fasste mit ihrer knochigen Hand nach Philipp. Er konnte ihre brüchigen Fingernägel in seiner Haut spüren.
"Sag, bin ich nicht schön", sprach die Hexe in sanft-drohendem Ton zu ihm.
Wenn ich jetzt lüge, dann ist sie mir vielleicht gewogen, dachte der Junge bei sich. Und so sah er auch über ihre Halbglatze und ihr davon strähnig herabhängendes rotes Haar hinweg. "Selten ist mir eine Frau mit so viel Anmut begegnet", heuchelte er. Tara lachte zufrieden und drehte ihren Körper vor Philipp hin und her.
Weil du so nett zu mir bist, darfst du dir etwas wünschen", forderte die Zauberin ihn auf.


Mittlerweile hatte der Monat August begonnen. Da ging eines Abends plötzlich ein unüberhörbares Raunen durch Booßens Hauptstraße ... Caroline sah, dass sich fast alle Einwohner des Dorfes versammelt hatten. Eine prachtvolle Kutsche fuhr in den Ort ein. Die Leute verneigten sich tief, waren sie doch der festen Überzeugung, dass der König von Preußen in dem Gefährt saß.
Doch dann erkannten die ersten Booßener Philipp auf der Kutsche. Die Frauen und Männer gerieten in endloses Staunen.
"Wo hat der Junge denn nur das Geld für so eine schöne Kutsche her?", wurde hinter vorgehaltener Hand gefragt. "Vielleicht hat er sie ja irgendwem gestohlen."
... Plötzlich stand Caroline vor ihm. "Was ist denn mit dir geschehen?", wollte sie von Philipp wissen.
"Sorge dich nicht", sagte der Junge. "Ich komme gerade aus Berlin zurück."
"Aus Berlin? Aus dem großen Berlin? Und der Wagen gehört dir? Und die Pferde etwa auch?" Caroline konnte es nicht glauben.
"Natürlich", antwortete der Junge. "Ich habe alles geschenkt bekommen."


"Ich will dir einen zweiten Versuch gewähren. Beschaffe mir bis morgen Abend zwanzig seidene Sommerkleider", forderte Tara ihn auf.
"Du weißt genau, dass ich das gar nicht schaffen kann", entgegnete Philipp. "Oder ich müsste die Sachen stehlen."
"Ha, ha", lachte die Hexe überheblich. "Da wirst du dir wohl ein bisschen den Kopf zerbrechen müssen. Denke mal schön an deine so heiß geliebte Kutsche."
Der Bauernjunge war den Tränen nahe. "Und nun troll dich", rief die Hexe. "Bis morgen Abend hast du nicht mehr viel Zeit."
In seiner Not lief Philipp zur Dorfschneiderin Margarete.
"Hilf mir", bettelte der Junge die Frau an.
"Zwanzig Kleider ...", sagte die Schneiderin nachdenklich. "Ich habe noch fünf Stück auf Lager. Aber selbst wenn ich die ganze Nacht die Nadel schwinge, eine solche Anzahl ist nicht herzustellen."
Mit hängendem Kopf verließ der Bauernjunge Margaretes Haus. Diese sah ihm noch weinend nach. Nur zu gern hätte sie Philipp geholfen, um Tara ein Schnippchen zu schlagen. Denn die Hexe hatte Margaretes Mann vor Jahren in einen Schäferhund verwandelt.


© 2007 Rico Jalowietzki: Text; Evelin Grunemann: Zeichnungen





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