Christian Rempel
"Ein Tag im Leben des Zauberers Ambrosius"           




Christian Rempel, Jahrgang 1953, ist promovierter Physiker, verheiratet, Vater von fünf Kindern und fühlt sich ein wenig als Dichter. Er wohnt in Waltersdorf bei Berlin.
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Germaine Adelt



Christian Rempel, Ein Tag im Leben des Zauberers Anbrosius

In seinem Buch "Ein Tag im Leben des Zauberers Ambrosius" erzählt Christian Rempel Gegenwartsgeschichten, die sich um einen Zauberer ranken, der dem breiten Publikum besser unter dem Namen Merlin bekannt ist. Aus unteschiedlichen Perspektiven werden Ereignisse dargestellt, die uns Sterbliche bewegen (Friedrich Trebstein)

Christian Rempel: Ein Tag im Leben des Zauberers Ambrosius. Format 13,5 x 20 cm,
Paperback, 170 Seiten
ISBN 978-3-9809931-8-0 Preis: 15,00 Euro





Rezensionen

Leseprobe


Der Morgen
Der weise Zauberer Ambrosius wurde vom Klang der Kawasaki geweckt, mit der seine Frau Penthesileia auf dem engen gewundenen Weg gerade das Schloss verließ, um zur Arbeit zu fahren. Sie war, wie es in Zaubererfamilien eigentlich unüblich ist, noch berufstätig, in einem namhaften Computerkonzern, in dem man ihre Dienste sehr zu schätzen wusste. Aber das Ehepaar hielt es nicht nur in diesen Dingen etwas ungewöhnlich, auch das Schloss war nicht so kahl und unwirtlich, wie es ein Zaubererschloss sonst zu sein pflegt. Zwar befand es sich auch auf einer weithin sichtbaren Anhöhe und war nur über den einen gewundenen Weg zu erreichen, auf dem ein gewöhnlicher Besucher zunächst kleine Proben bestehen musste und Rätsel zu lösen hatte, bevor er in das Schloss gelangen konnte.

Auch stand das Schloss immer in einem besonderen Lichte, das die reichen Verzierungen und den lieblichen Bewuchs mit den seltensten Pflanzen so recht zur Geltung brachte und es schon von weitem so anziehend und geheimnisvoll erscheinen ließ, wie man es von einem Zauberschloss erwarten darf. Es fehlte auch nicht an der Einsamkeit, denn es lag in einem undurchdringlichen Gebirge Deutschlands, in dem kaum ein Mensch eine Wohnstatt erwartete. Die Berge taten aber auch die Wirkung, dass sie unmäßigen Wind und Wolken in einem Umkreis aufhielten, so dass das Schloss, solange die Sonne am Himmel ihre Bahn zog, im Lichte stand. Des Nachts war es so kunstvoll beleuchtet, dass es aussah, als stünde es auf einer Insel des ewigen Sonnenlichtes.

Die Weisheit des Ambrosius bestand vor allem darin, dass er sich in seinen Zauberkräften zu beschränken wusste und vieles seinen natürlichen Gang beibehalten ließ. Das tat er, um die Behaglichkeiten der gewöhnlichen Menschen recht genießen zu können und auch ihre Sorgen, die man sich um das Gedeihen von seltenen Pflanzen oder das Wohlbefinden eines Tieres macht, mit ihnen zu teilen. Zwar hatte er aufgrund des anhaltenden Sonnenscheins reichlich für Wasser zu sorgen und auch das Futter für seinen Kater machte ihm Kopfzerbrechen und forderte seine Zauberkräfte heraus, aber er nahm das alles in Kauf.

Der Kater begrüßte den Zauberer, als dieser nun gegen sieben Uhr in seinen silbernen Pantoffeln aus dem Schlafgemach trat, mit aufgeregtem Hin- und Herlaufen. Ambrosius hatte keine gute Nacht gehabt, denn auch ihn drückten noch Pflichten, die einer Berufstätigkeit nahe kamen und die ihn diese Nacht wieder beschäftigt hatten ...




Der Konzern
Als Ambrosius so auf seinem Fahrrad durch die Gegend brauste, kam ihm der Gedanke, mal bei seiner Frau im Computerkonzern vorbeizuschauen, obwohl er wusste, dass sie solche Störungen am Arbeitstag nicht allzu sehr liebte, zumal er ja unangemeldet kommen würde.

Obwohl Penthesileia eine solch schöne Frau war, hatte er im Grunde kaum ein Bild von ihr. Ihre Gegenwart war ihm immer wieder überraschend, und wenn sie zusammen waren, konnte er sich kaum satt sehen an ihrem frischen Teint, den großen puppenhaften Augen, und wenn sie in der Küche umherging, an ihrer Figur, besonders wenn sie Hosen anhatte, und das war eigentlich die Regel.

Gern hätte er es gesehen, dass sie den ganzen Tag um ihn gewesen wäre, aber sie bestand darauf zu arbeiten, wie die meisten anderen Menschen auch. Von seinen Zauberkunststücken wollte sie gar nichts wissen, obwohl sie wie jede Frau natürlich sehr neugierig war. Es tat ihm immer ein wenig weh, dass in dieser Hinsicht bei ihr gar kein Interesse vorhanden war, und wenn sie abends über ihren langweiligen Büchern mit Betriebssystemen saß, hätte er sich gewünscht, dass sie auch einmal eines der einfachen Zauberbücher zur Hand genommen hätte, nicht um etwas zu lernen, sondern um ihm ein wenig nahe zu sein. Genaugenommen machte er sich Sorgen um sie. Bedeutete denn nicht auch Konzern eigentlich die Sorge? Aber man konnte eine schöne Frau nicht ganz für sich allein behalten, auch wenn man das noch so gern wollte.

Die Landschaft um ihn, die in wunderbarem Sonnenschein lag, begann sich zu verändern. War er erst durch eine scheinbar endlose verschneite Ebene gefahren, die vom Himmel dominiert war, so wurde die Straße jetzt schmaler und war zu beiden Seiten teilweise von Hecken gesäumt, an denen sich das Grün des Frühlings schon ahnen ließ. Auf den Weiden standen Schafe, auch wenn an eine Bewirtschaftung der Flächen gar nicht gedacht wurde.

Man nahm die Schafe scheinbar nur als dekoratives Element, und in der aufgelockerten Verteilung der pelzigen Tiere lag etwas ungemein Beruhigendes. Wären da nicht in regelmäßigen Abständen unübersehbare Schilder mit einer englischen Aufschrift gewesen: "Restricted Area, keep off", man hätte es für eine Idylle halten können.

Da war es auch schon, das Konzerngebäude. Es war kein großes Haus, sondern hatte eine Front im Stile eines englischen Landhauses, war völlig symmetrisch gebaut mit zwei turmartigen Hauptgebäuden und von dicken Schornsteinen gekennzeichnet, die den Dachfirst um weniges überragten. Dahinter stieg das Gelände mit dem gepflegten Rasen leicht an und darauf wieder malerisch verteilt: Schafe.

Ambrosius stellte sein Fahrrad am Pavillon des Secret Service ab und betrat das Pförtnerlokal. Zwar kannte man ihn hier, aber überreichte ihm trotzdem ein Batch, das er sich an seinen Zauberermantel zu klemmen hatte. Immerhin konnte er selbst hineingehen, ohne dass seine Frau ihn hätte abholen müssen, und das war ihm aus einem Grund, den er sich nicht ganz eingestehen wollte, unwahrscheinlich wichtig.

Er ging nun zu Fuß durch einen gewundenen Heckenweg und stand vor dem Landhaus. Dank seines Batches konnte er die Tür problemlos öffnen, und betrat die Eingangshalle, in der sich kein Mensch befand, ihn aber von einer Art Wandzeitung die lächelnden Bilder der gesamten Belegschaft beäugten. An der Rückfront des Hauses befand sich ein großer Wintergarten, der der eigentliche Arbeitsplatz der Mitarbeiter war und der jeden Neuankömmling verblüffen musste, denn er glich mehr einem Fitnessstudio oder auch Kinderspielplatz im Grünen als einem Großraumbüro, das es ja eigentlich war.

Gleich hinter dem Vestibül saß ein Papagei auf einem Zweig und musterte den Zauberer starr. Ambrosius wusste, dass es sich um eine Überwachungskamera handelte, aber ihm war auch klar, dass keiner Notiz davon nahm, dass er eingetreten war, wie auch die in Sichtweite befindlichen Mitarbeiter ihn nicht bemerkten.

Links war eine Glaswand mit bunten Bällen, in denen unermüdlich einige Kinder herumtollten. Andere saßen gedankenentleert vor einer Projektionswand, auf der sich computeranimierte Figuren scheinbar sinnlos bewegten. Der Konzern war derart sozial, dass die Mitarbeiter ihre Kinder mit zur Arbeit bringen konnten und für sie den ganzen Tag in dieser Weise "gesorgt" wurde.

Auf der anderen Seite befand sich ein Imbissraum, wo man sich jederzeit aus Automaten bedienen und es sich an den Tischen des Raumes bequem machen konnte. Das Ambiente war einem französischen Bistro täuschend nachempfunden. Die Einrichtung konnte als originell gelten.

Dort saß auch ein etwas unansehnlicher Mann, dessen Äußeres ihn dennoch nicht hinderte, eine Selbstsicherheit auszustrahlen, wie man sie selten bei Menschen findet, und der scheinbar gerade wieder einen Witz erzählt hatte, denn die anderen am Tisch lachten herzhaft. Ambrosius kannte nicht seinen Namen, sondern nur seine Bezeichnung als der Boss.

Als sich die Mitarbeiter vor Lachen bogen, schaute der Boss umher und sah Ambrosius, stand gleich auf, um ihn im Vestibül zu begrüßen. "Hi Ambrosius."
"Hi Boss", gab Ambrosius zurück, der seine Frau immer noch nicht entdeckt hatte.
Die beiden Männer schüttelten sich die Hand, und der Boss sah schon wieder zur Seite, immer einen Schritt voraus. Jenem fiel es nicht schwer, Penthesileia in dem grünen Großraumbüro sofort zu entdecken, und stellte gleich fachmännisch fest: "Penthesileia ist gerade dabei in den Flow zu kommen, vielleicht nicht der richtige Moment für einen Besuch."

Ambrosius, dem Blick des Mannes folgend, hatte nun auch seine Frau entdeckt, die auf einer Schaukel saß, einen bis zum Hals reichenden Westover anhatte und beim Vorwärtsschaukeln immer die herrlichen Augen zukniff, während sie sich beim Zurückschwingen jedes Mal leicht nach vorn beugte und wirklich nicht gerade aufnahmebereit zu sein schien. Wie gern hätte er ihr von seinem Erlebnis im Kindergarten erzählt. Sollte denn das alles hier so wichtig sein, dass keine Zeit für ein privates Treffen da war?
"Ich wollte bloß ...", begann er, aber merkte sofort, dass der Boss nur Augen für die schaukelnde Penthesileia hatte, und sich erst wie losreißen musste von dem Anblick der schönen Frau in den engen Jeans.
Ist doch kein Problem, ich bringe Sie sofort hin", sagte der Boss.

Den Weg hätte Ambrosius auch gut allein gefunden und es zerriss ihn förmlich, dass diese Männer hier wohl den halben Tag seiner Frau die Formen abstarrten, während er tagsüber seiner wenig geschätzten, ausschließlich privaten Tätigkeit nachging, von der seine Frau zudem kaum Notiz nahm.

Wie kam es nur, dass ihn als dem rechtmäßigen Mann einer so attraktiven Frau nun den ganzen Weg zur Schaukel solche eifersüchtigen Gedanken plagten, während der Boss munter voranging, als könne er zwei Dinge gleichzeitig tun, sich nach dem Fortgang der Projekte des Zauberers erkundigen und gleichzeitig den Flow von Penthesileia zu begutachten. Es waren besonders die mathematischen Untersuchungen, die den Boss nebenbei interessierten, denn er wusste, dass man diese einmal würde praktisch nutzen können.

Nun musste Ambrosius auch zwei Dinge gleichzeitig tun, er musste versuchen seine Eifersucht niederzuringen und gleichzeitig geistreich über die Rolle der Primzahlen als mathematische Elementarteilchen, wie in der Physik, parlieren. Das dritte zu tun, dabei auch seine geliebte Frau im Auge zu behalten, war er nicht im Stande, und er war ja auch sicher, dass der Boss sich keine Sekunde Pause gönnen würde bei eben diesem Geschäft.

Was dem Chef entgehen musste, nahm Ambrosius in seinem inneren Kampf wahr, dass nämlich ein Mitarbeiter, der sich auf einem Laufband schwitzend ein Display betrachtete, schnell Bilder wegklickte, die Frauengesichter zeigten, deren offene gehetzte Münder und der abwesende angestrengte Gesichtsausdruck auf Situationen schließen ließ, in denen man sich besser nicht photographieren lassen sollte. Das nennt sich nun Arbeit hier, dachte Ambrosius bei sich und schaute nur noch einmal zu dem Boss hin, der immer noch lebhaft erzählte und dabei den Blick auf die Schaukel oder besser wohl auf Penthesileia geheftet hatte. Jetzt waren sie da und Ambrosius sah seine Frau wieder wie zum ersten Mal.

Sie war inzwischen von der Schaukel gestiegen und scherzte mit einer Kollegin, welch ein Glück – eine Kollegin! Und wieder konnte sich Ambrosius nicht satt sehen an ihren Formen, wie in den Jeans nirgends etwas zu wenig war und er begriff, warum jene aus so grobem Stoff sein mussten: damit nämlich auch nirgends etwas zu viel sein kann. Vielleicht hätte er es sogar besser gefunden, wenn da bereits etwas zu viel gewesen wäre. Gern hätte er diesen geringfügigen Verlust an Schönheit und Reiz gegen etwas mehr Sicherheit eingetauscht.

Sie bemerkte ihn nicht, denn die beiden standen mit dem Rücken zu den Herbeikommenden.
"Penthesileia, Dein Mann ist da", sagte der Boss und entfernte sich beachtlich diskret und gelassen, noch bevor sie sich umgedreht hatte. Und wie ihr Gesicht strahlte, als sie es Ambrosius zuwandte. Nicht weil er da war, sondern weil sie schon vorher von einer solchen Frische gewesen, er sie ganz in ihrem Element angetroffen hatte.

Sie kam auf ihn zu und gab ihm einen Begrüßungskuss, der Ambrosius entwaffnete. Hatte er sich doch noch vor Sekunden als in einem Sündenpfuhl befindlich gewähnt und am liebsten seine Frau zu Hause behalten. Aber sie war die Reinheit und Sportlichkeit selbst, das konnte ihr wohl alles nichts anhaben hier.
Ambrosius Gemüt besänftigte sich ein wenig, aber da war sie auch schon wieder fort, trat an ein Display und tunte eine Kurve, die sich gerade als mickrig erwiesen hatte, mit ein paar Handgriffen.

Ich habe gleich Zeit für Dich, am besten Du gehst schon mal ins Bistro, Du hast sicher noch nichts gegessen", sagte sie mit ihrer wundervollen Stimme, und wieder stieg der Neid in Ambrosius auf, diesmal auf diese Computer, die ihr scheinbar wichtiger waren als er.

Er sah ihren konzentrierten Gesichtsausdruck, der freilich nicht mehr der einer Siebzehnjährigen war, aber das hätte ihm auch gar nicht so sehr gefallen. Er liebte ja nicht nur ihr faltenloses Gesicht sondern auch ihre Intelligenz. Diese braucht ja Zeit, um sich auf dem Gesicht eines Menschen abzuzeichnen. Und erst ihr Haar: Die Strähnen changierten in verschiedenen Farben und spielten in der Sonne. Wie gern hätte er noch mehr Zeit hier verbracht und nichts anderes getan, als sie nur so zu bewundern.

Aber sie hatte ihm einen Auftrag gegeben, und so suchte er das Bistro auf.
Ambrosius zog dort zwei Chefsalat aus einem Automaten und zwei kleine Flaschen Rotwein und setzte sich an einen Tisch. Das Bistro war jetzt leer. Einerseits konnte er es kaum erwarten, dass sie endlich kommt, andererseits fragte er sich, ob er wohl locker und unterhaltsam würde sein können, wenn ihn ständig solche Gedanken im Hintergrund plagten.

Ja, er hat sie hier noch nie in einer zweideutigen Situation angetroffen und sie scheint völlig immun gegen die begehrlichen Blicke und sicher auch Anspielungen. Aber er war schließlich der Mann, der auch die anderen Seiten seiner Frau kannte. Er wusste nicht, wie andere sie sahen, vielleicht nur als dekoratives Püppchen, aber er wusste mehr. Er wusste, dass ihre Leidenschaft über das hinausging, was ein Zauberer unbestimmten Alters im Bett noch leisten konnte. Sie hatte sich noch nie beschwert, aber war da nicht immer etwas übriggeblieben, das er nicht befriedigen konnte? Konnte es nicht sein, dass sie sich im Stillen nach einem anderen Mann sehnte, sogar ohne sich das einzugestehen?

Er wusste, dass ihn auch seine herausgehobene Stellung als Zauberer nicht davor bewahrte, zu einem Nichts zerschlagen zu werden, vielleicht sogar durch einen absoluten Looser, der womöglich nur eins richtig kann und ihn somit selbst zum absoluten Looser machen würde. Auch wenn sie von sich aus ihn nicht in eine solche Situation bringen würde, welcher Mann kennt nicht die Tricks, die von seinem Geschlecht angewendet werden, um bei einer Frau zu landen, noch dazu einer verheirateten.

"He, träumst Du Schatz?", sagte sie, als sie sich zu ihm setzte. Zwar war er froh, dass sie seine Gedanken nicht lesen konnte, denn sie waren wohl zu lächerlich, aber andererseits sagte er sich auch, dass sie vielleicht gar kein Feeling für ihn hat, und dies möglicherweise schon der Anfang der Katastrophe ist. Jetzt nannte sie ihn Schatz, hatte sie ihn vorhin so genannt, als die anderen noch dabei waren?
Er hatte das Gefühl, dass sie in der Öffentlichkeit nicht so zu ihm stand, hätte es sogar besser gefunden, wenn sie ihm vorhin einen leidenschaftlichen Kuss gegeben hätte, der so eindeutig gewesen wäre und alle Umstehenden so entwaffnet hätte, dass er sich hätte wohler fühlen können. Aber wäre das nicht auch etwas taktlos gewesen?

"Wie war es denn vorhin in Deinem Kindergarten?", versuchte sie es noch einmal liebevoll lächelnd und ihm wurde klar, dass er noch gar nicht reagiert hatte und auf dem besten Wege war, so ununterhaltsam zu sein, wie er vorhin befürchtet hatte.
"Ich glaube es war schon ein Erfolg", sagte er bloß und dachte bereits wieder darüber nach, dass sie gesagt hatte "Dein Kindergarten", als brächte das besonders deutlich zum Ausdruck, wie kindisch sein Tun eigentlich war. Das sollte nun ein Teil seiner Lebensaufgabe sein, Kinder zu unterhalten. Und das war doch auch der wundeste Punkt bei ihnen. Sie hatten kein Kind miteinander, denn Zauberer haben keine Kinder. Und sah sie nicht gerade jetzt, leicht gelangweilt von ihm, zu den bunten Bällen hinüber, wo sich die Kinder anderer Leute amüsierten?

"Hast Du etwas auf dem Herzen, hattest Du Dir mehr versprochen von dem Vormittag?", versuchte sie seine Seele zu berühren.
"Du weißt, heute Abend, das wird ein schwerer Tag für mich", wollte er ihr Mitleid auf sich ziehen. Dabei hatte er seit der Nacht noch keinen Augenblick an den heutigen Abend gedacht. Es war ihm völlig schnuppe, wie er das heute Abend überstehen würde. Er hatte doch eigentlich ganz andere Sorgen. Aber die waren sorgfältig zu verbergen, das gebot die Kriegslist.

"Was ist das eigentlich, Flow?" fragte er, auch wenn er sich damit wieder auf gefährliches Terrain begab.
"Weißt Du, Schatz, wenn man festhängt und gar nicht mehr weiterkommt, dann ist es gut, irgendetwas anderes zu tun. Am besten geht es bei mir auf der Schaukel, das hat so einen gleichmäßigen Rhythmus. Man muss sehen, dass alles weg ist, und dann, wenn man Glück hat, dann kommt ein Einfall. Dann geht einem mit einem Mal alles gut von der Hand, es ist als wenn sich die Wünsche von selbst erfüllen."
"Vergisst Du dabei auch mich, wenn Du im Flow bist?", wollte er nun unbedingt wissen.

Sie merkte, dass er eigentlich nur aus dem Grund gekommen war, sich ihrer Liebe zu versichern. Gern hätte sie ihm davon gesprochen, denn dieses Gefühl ging bei ihr nie verloren, es war immer und ständig in ihr. Aber sagen konnte sie es jetzt nicht, es wäre zu herausgefordert gewesen.

"Was hast Du denn heute noch vor? Hattest du nicht noch einen Termin beim Psychologen?"
Ja aber erst um eins." Ihm war es gar nicht recht, an die profanen Dinge erinnert zu werden. Viel lieber hätte er gehört, dass sie ihn liebt.
Du siehst toll aus", nahm er sein Lieblingsthema wieder auf. Sie lächelte ihr Lächeln, an dem er sich wieder kaum satt sehen konnte. Komplimente wirken auf Frauen niemals entwaffnend, und eigentlich wollte er sie ja gar nicht ohne Waffen, zumindest nicht hier.

Er war sehr stolz auf sie und sagte: "Heute Morgen war der General da, ich soll Dir schöne Grüße sagen."
"Worüber habt ihr denn gesprochen?"
Endlich war er in der Lage, sich einem anderen Thema zuzuwenden, es hatte lange genug gedauert. "Er sprach von einem jungen Physiker namens Ritter, der etwas Besonderes entdeckt haben will, aber irgendwie Angst hat davor."

Ambrosius wurde bewusst, dass er bis jetzt die Sache schon vollkommen vergessen hatte. Jetzt war es ihm selbst, als ob er in den Flow käme: "Er will etwas Lebendiges in der physikalischen Natur entdeckt haben, das eine besondere Disziplin hält. Es sollen Mikroteilchen sein."

"Warte mal", sagte Penthesileia und gab etwas in die Tastatur ein, sie hatte auch an dem Bistrotisch eine Internetverbindung und blitzschnell den Namen in eine Suchmaschine eingegeben. "Der hat wohl einen berühmten Vorfahren, der Zeitgenosse von Goethe war: Johann Wilhelm Ritter. Wie heißt der Ritter denn mit Vornamen, vielleicht finde ich auch etwas über ihn."
Ambrosius wusste es nicht und sie grenzte die Suche auf gegenwärtige Ritter ein und Physiker, aber ohne Erfolg.
"Und wie seid ihr verblieben, Schatz?", sagte sie mit ihrer hinreißenden Stimme. Sie hatte ihn wieder Schatz genannt, das war doch wie: Ich liebe Dich.

"Ich habe dem General ein Flakon mit diesem Trank mitgegeben, Du weißt, mit diesen Mücken darin."
"Musste das sein? Könnt ihr nicht mal ohne diesen Quatsch auskommen. Man weiß doch nie, was daraus wird. Stell Dir vor, er gibt davon Ritter und der hat dann einen weiteren Gedanken, der ihm noch mehr Angst macht, dann ist keinem geholfen."
"Wenn Du da gewesen wärst, hätte ich es vielleicht anders gemacht. So erschien mir am wichtigsten, dass man herausbekommt, worum es überhaupt geht", sagte Ambrosius ohne allzu viel Aussicht, dass ihm seine Frau zustimmen würde.

Da ging es auch schon los: "Ihr Männer scheint es immer für das Wichtigste zu halten, irgendetwas herauszubekommen. Dabei kommt es auf etwas ganz anderes an, manchmal geht es um die Sache selbst und man sollte in Ruhe abwarten, bis es von selbst herauskommt. Du sagtest doch, es geht um etwas Lebendiges. Es gibt aber nichts Lebendiges, das nicht auch einen eigenen Willen und vielleicht sogar eine Seele hätte. Darauf muss man Rücksicht nehmen, auch auf den armen Ritter."

Ambrosius musste lächeln, dass sie dieses köstliche Gericht mit einem Wortspiel hineingebracht hatte. Und wie gleich wieder ihr Mitgefühl aufleuchtete, wo sie doch gerade erst zwei Sätze von diesem jungen Physiker gehört hatte, der nicht mal im Internet zu finden war, also sicher nicht so bedeutend. Er versuchte es mit einer Floskel: "Ein Mann braucht ein Ziel."
"Ach Brosi, Du hast doch ein Ziel", seufzte sie.

Als Ziel hatte er sich gestellt, seine Frau glücklich zu machen, wie es eben in seinen Kräften stand. Das hatte er jedoch nie gesagt, denn er wusste wohl, dass sich das wie eine Plattheit anhören würde, und eine solche Vereinnahmung keine Frau gern hat.
Sie möchte eine Welt ausgebreitet bekommen von ihrem Mann, sie möchte ihn in einer eigenen Welt sehen. Sie möchte schon, dass er ein Ziel verfolgt, aber es sollte ein Ziel sein, das ihr nicht von vornherein zugedacht ist, sondern von dem sie selbst aussuchen kann, was ihr daran gefällt oder nicht.

So alt wie er geworden war, war er sich doch noch nicht im Klaren, worin sein Ziel eigentlich bestand. Penthesileia war nicht seine erste Frau, aber es war das erste Mal, dass es ihm zumindest im Geheimen vor allem daran gelegen war, alles für diese Frau zu tun. Sicher, auch sie würde altern, aber ihm war wohl bei diesem Gedanken und gern wäre er mit ihr gealtert und meinetwegen auch irgendwann gestorben.

© 2006 Christian Rempel






Rezensionen

Ambrosius ist ein Zauberer, der mit seiner berufstätigen Frau Penthesileia auf einem Schloss in einem undurchdringlichen Gebirge Deutschlands lebt. Oft sind es ganz alltägliche, persönliche oder auch anrührende Dinge, die den Zauberer beschäftigen, doch in seinem langen Leben macht er auch Bekanntschaft mit illustren Persönlichkeiten und ihren Frauen, die unter leicht verfremdeten Namen auftreten, wie der Geheimdienstgeneral Markus Wolf, C.G. Jung, ein deutscher Physiker der Frühromantik namens Ritter oder gar Goethe.

Mit diesem erlauchten Kreis spricht Ambrosius über Gott und die Welt – im Sinne des Wortes. Was mit der rituellen morgendlichen Fütterung der anspruchsvollen Hauskatze und eifersüchtigen Bedenken des Zauberers wegen seiner schönen Frau beginnt, weitet sich bald zu einem Diskurs über naturromantische Vorstellungen von einer Belebtheit in der Physik sowie Überlegungen zu Staatstheorien, Gott und Christentum aus.

Ein netter Plausch mit Goethe, Markus Wolf und C. G. Jung

Die fiktive Zusammenführung interessanter Persönlichkeiten ist es, was "Ambrosius" auszeichnet. Der Autor hat dem Zauberer Ambrosius offensichtlich viele seiner eigenen Ansichten, Charaktereigenschaften und vielleicht auch einige seiner kleineren Schwächen mitgegeben. Diese Geschichten beruhen sowohl auf profundem geschichtlichem Wissen als auch realen persönlichen Erfahrungen und vermischen diese miteinander.

Die erste Geschichte "Der Morgen" schildert das frühmorgendliche, fast abergläubische Ritual der Fütterung der anspruchsvollen Hauskatze durch Ambrosius, was sehr humorvoll und für Katzenfreunde nachvollziehbar beschrieben ist. Hier sollte man aber nicht der Versuchung erliegen, "Ambrosius" für eine liebe und nette Sammlung von humorigen Alltagsgeschichten zu halten, denn bereits in der nächsten Geschichte "Der Zauberer und der General" stellt Rempel die Weichen für weitere Episoden seines Zauberers und anspruchsvolle, komplexe Themen.

Ausgezeichnet ist dabei die Präsentation dieser Gedanken in Dialogform. Das ungezwungene Gespräch des über ihre Frauen bekannten Generals und des Zauberers über die Frage eines gewissen Physikers namens Ritter über seine Entdeckung von vermeintlich in sowohl der lebenden als auch toten Natur geltenden Prinzipien, von General Agnus alias Markus Wolf als "Disziplin" bezeichnet, klingen so überzeugend und natürlich, als hätten diese Gespräche wirklich stattgefunden.

Dies ist insbesondere köstlich, wenn der unter seiner Eifersucht leidende Ambrosius zu seinem Psychiater C. G. Althaus geht – und als Patient seinem Psychiater vielmehr eine Gralsgeschichte erzählt denn von ihm therapiert wird! Mit Prinzessin Diana über die Monarchie zu reden, hat auch seinen Reiz, mein persönliches Highlight ist jedoch das Gespräch von Ambrosius als <Fuzzy4@world.de>; mit <Johann.Andreä@schwaben.de>, dem vermutlichen Autor der Confessio Fraternitatis und Chymischen Hochzeit der legendären Rosenkreuzer, das in Form eines Mailaustauschs erfolgt, bei dem die Antworten Andreäs in auf Altdeutsch getrimmter Sprache und passend verschnörkeltem Zeichensatz abgedruckt sind.

Obwohl Rempel betont, dass seine Aufsätze über einen längeren Zeitraum entstanden sind, fügen sie sich jedoch zu einem harmonischen Ganzen zusammen, Figuren und Gedanken aus älteren Geschichten treten oft erneut auf und werden weiterentwickelt. Dabei fallen störend einige Erzählungen auf, die nicht so ganz in den Rahmen passen und mir fast wie Lückenfüller in den ansonsten so konzentriert geschriebenen und gelungenen 170 Seiten des Buchs vorkommen.

Etwas mehr Stringenz und weniger Abschweifung von den anspruchsvolleren Thematiken des Buches hätte hier gut getan; auch wenn der Autor zugesteht, eine dichterische und romantische Neigung zu haben die sich in positiver Weise auch im Buch widerspiegelt, wirken Dinge wie das Herbeizaubern eines Hamsters als Ersatz für den verstorbenen eines Kindes oder die oft etwas zu gefühlsduselnde Verehrung Ambrosius für seine Frau eher bremsend und deplatziert.

Das Buch sollte am besten in kleinen Dosen gelesen werden, ein oder zwei Geschichten pro Tag reichen völlig aus, denn sie erfordern Konzentration und ein gewisses historisches Wissen und Interesse, regen zum Nachdenken und zur Diskussion an.

Das Buch enthält zudem zwölf Illustrationen, die interessanterweise allesamt in gräulichen Erd/Naturfarben gehalten sind. Ihre Qualität schwankt leider sehr stark, einige gefielen mir sehr gut, andere hingegen gar nicht. Positiv aufgefallen ist mir die stärker als gewöhnliche Textnähe, die Illustrationen unterstützen so die Wirkung des Textes und stehen nicht, wie man es leider zu oft erlebt, als Einzelkunstwerke mit recht entferntem Bezug verloren im Text.

Fazit:
Amüsante Unterhaltung mit Anspruch. Die meisten Geschichten konnten mich überzeugen und sogar begeistern. An der vermeintlichen Kürze der zwölf Geschichten (170 Seiten) sollte man sich nicht stören, denn sie sind sehr gehaltvoll und bilden ein harmonisches Ganzes. Trotzdem, ein abschließendes Ende vermisse ich dennoch; "Ambrosius" schließt offen und ein wenig unbefriedigend. Allerdings weckt es auch Hoffnungen auf einen weiteren Band über einen Tag aus dem Leben seiner Frau Penthesileia. Vielleicht geht diese noch einen Schritt weiter als "Ambrosius" und bietet eine durchgehende Handlung – "Ambrosius" ist eher geeignet für Freunde von knackigen Kurzgeschichten, die jedoch akzeptieren müssen, dass es sich empfiehlt, in Sequenz vom Anfang bis zum Ende zu lesen, da viele für das bessere Verständnis nötigen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten vorhanden sind.
Michael Birke, 12.09.2006, www.buchwurm.de




Leichtfüßige Denkübungen

Christian Rempel, Berlin, im wirklichen Leben tatsächlich promovierter Physiker, in seinem Buch surreal verschlungen mit einem des Zauberns mächtigen Erzähl-Ich, – trotz aller Fiktion, die das ironische Durchleuchten leichter macht als eine allzu bieder autobiographische Erzählung, stellt er seinem Buch voran die Widmung "für die Bundeskanzlerin und Physikerin Angela Merkel, deren Lebensweg mich berührt."

Fast träumt man sich beim Lesen dieser Kurzgeschichten-Sammlung in das Leben des Ehegatten von Frau Merkel hinein. Wie würde sich ein Mann fühlen, der seine Frau eine berufliche Karriere machen sieht und im Zuge der eilig voranschreitenden gesellschaftlichen Umwälzung von Männer- auf Frauenherrschaft Zuhause zurückbleibt mit zugerecht gestelltem Frühstück, der Aufgabe, die Katze zu füttern, beim Kindergarten vorbeizuschauen und brav den Termin beim Psychiater wahrzunehmen?

Da kann man die Zeit auch noch damit vertändeln, dass man sich vom 80-jährigen Ex-DDR Geheimdienstchef Markus Wolf die Vergangenheit schön reden lässt, bis man sich wünscht, ihm einen Zaubertrunk einzuflößen, der auf einmal nichts als die reine unverdrehte Wahrheit heraussprudeln lässt ...
"Ein Tag im Leben des Zauberers Ambrosius" ist eine zwar ungewöhnliche, aber amüsant geschriebene, leichtfüßige Denkübung ...
www.amazon.de/gp/product/3980993183/, 18. Oktober 2006




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