Germaine Adelt  „Einmal nur“                                          



Germaine Adelt, geboren 1962 in Berlin, lebt heute in Häslach bei Tübingen. Hebamme und Schriftpsychologin. Schreibt von braven Hunden und Betrunkenen, die schlagartig nüchtern werden. Von kitschigen Kaufhausmusiken, bis hin zu betörenden Männerstimmen. Von Ritualen und Sternenglitzern. Von Versuchskaninchen und großen Brüdern. Geschichten aus dem Leben, die man lesen sollte, wenn man fürs Leben gewappnet sein will.
Germaine Adelt



Einmal nur, Kurzgeschichten von Germaine Adelt

In ihrem Buch "Einmal nur"
stellt Germaine Adelt ihre Texte der Öffentlichkeit vor


Germaine Adelt: Einmal nur. Prosa. Format 12 x 19 cm,
Paperback, 138 Seiten
ISBN 978-3-9809931-7-3 Preis: 17,50 Euro




Leseprobe


Kaufhausmusik

Sie hasste diese Kaufhausmusiken und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob den Managern überhaupt klar war, dass sie damit die Kunden aus den Geschäften vertrieben. Sie zumindest.

Diesmal aber musste sie das alles aushalten. Tante Elvira hatte sich von ihr zum Geburtstag Stoffservietten gewünscht. Diese sollten natürlich einen Tag vorher besorgt werden, so dass sie am Geburtstag gewaschen, gestärkt und gebügelt den Gästen präsentiert werden konnten. Heute war der Tag.
Und so huschte sie ohne Einkaufswagen durch die Gänge, auf der Suche nach den Servietten und auf der Flucht vor beratenden Verkäufern und dieser Kaufhausmusik, sicherlich schon lange im Visier der Kaufhausdetektive.Sie hätte sich auch beobachtet: Umherirrende Person in Lederjacke, die sich weder von den kostenlosen Kaffeeproben noch von den dargebotenen Likörpralinen in der unteren Etage aufhalten ließ.

Die sanfte Klaviermusik die jetzt zu hören war, hob sich wohltuend ab und für einen Moment blieb sie stehen um ihr zuzuhören. Es klang sehr nach John, aber nie im Leben würden die hier Jethro Tull spielen. Das Piano wurde immer intensiver und sie sich immer sicherer. Fragend sah sie hoch zum Lautsprecher, als ob da die Antwort stand. Als die E-Gitarre sporadisch einsetzte stand es fest: Locomotive breath!

Verträumt schloss sie die Augen. War das lange her! Die Welt haben sie retten wollen und den Weltfrieden sichern und alles gleichzeitig, damals Ende der 70er. Wo waren sie geblieben, all die Träume und Ideale? Nichts hatten sie erreicht. Dabei hatten sie sich doch geschworen niemals aufzugeben. Aber nicht einmal das mit dem Frieden hatten sie hinbekommen. Sondern wie Schafe saßen sie jeden Abend vor dem Fernseher um sich anzusehen, dass Tod und Verderben nebenan stattfand.

Das Piano wurde immer schneller und die E-Gitarre immer lauter und sie verspürte die Sehnsucht noch einmal so hemmungslos zu tanzen, wie damals. Lächelnd erspähte sie einen leeren Gang und verzog sich hinter ein Regal. Bereit sich mit der Musik aufzubäumen wie seit Ewigkeiten nicht mehr.
Im Augenwinkel sah sie noch einen Mann, der fragend stehen blieb. Zu spät, die E-Gitarre näherte sich dem Höhepunkt und sie war in der alten Ausgangstellung, bereit sich ihr Hirn aus dem Kopf zu schütteln.

Als Ians Gesang einsetzte und ihr Gleichgewichtsorgan sie daran erinnerte, dass ’79 lange her war, öffnete sie wieder die Augen. Der Mann stand noch immer da und überlegte vermutlich welche Größe ihre Zwangsjacke haben musste.
Sie schenkte ihm ein Lächeln und tanzte unbeirrt weiter. Er lächelte zurück und für einen Moment glaubte sie Gregor vor sich zu haben. Angesichts der absurden Situation jedoch nur ein Wunschdenken.

Gregor war tot, zumindest hoffte sie das. Denn das Letzte was sie Mitte der Achtziger gehört hatte war, dass er nach einem schweren Unfall irreparable Hirnschäden erlitten hatte und nur noch dahinvegetierte. Ausgerechnet Gregor. Wie sehr hatte sie ihn für seine Rhetorik bewundert, für sein unerschöpfliches Wissen.

Sie vermisste ihn. Noch mehr vermisste sie die Streitgespräche die sie geführt hatten. Natürlich war sie ihm hoffnungslos unterlegen. Aber die Tatsache, dass sie am gleichen Tag Geburtstag hatten, ließ sie ihm unermüdlich Paroli bieten. Seine Arroganz konnte weh tun. Wenn es ihm zuviel war oder zu müßig mit ihr die theoretische Politik erneut zu diskutieren, hatte er ihr oft kurzerhand eine verbale Breitseite verpasst, die sie zum Schweigen brachte. Aber auch dazu, in ihrer unendlichen Wut auf ihn, Dinge anders zu betrachten und fehlendes Wissen aufzuholen.

Er wusste sich zu entschuldigen, oft tat es ihm im selben Moment leid. Irgendwann jedoch war sie müde und mochte diese Wortgefechte, diese permanenten Auseinandersetzungen nicht mehr. Sie nahm vieles zu persönlich. Eine ihrer größten Schwäche, wie er so oft feststellte und er sollte recht behalten.
Aber so unbeirrbar er seine Ansichten vertrat, so widersprüchlich gab er sich ihr gegenüber. So dass sie sich mehr als einmal fragte, was ihn ausgerechnet in ihrer Gegenwart oftmals so launisch, ja ungerecht werden ließ. Irgendwie hatten sie sich nach der Schule einfach aus den Augen verloren, als sie ins Ausland ging um zu studieren.
Jahre später dann hatte Jenny ihr von dem Unfall erzählt und von dem Wunsch seiner Eltern. Niemand möge ihn besuchen, da niemand ihn so sehen sollte.

Nun stand sie hier, hörte zu wie Ian sein Solo auf der Querflöte zelebrierte und mochte nicht mehr tanzen. Sie fragte sich, was Gregor wohl getan hätte: Heute wo Krieg und Verderben nicht enden wollten. Und ganz plötzlich verspürte sie den Drang selbst etwas zu tun. Die Servietten konnten warten, hier drin hielt sie es sowieso nicht länger aus. Als Erstes würde sie Joschka dafür danken, dass keiner ihrer Söhne in einen sinnlosen Krieg ziehen musste, der direkt nebenan stattfand.
Beschwingt tanzte sie nach draußen und bemerkte nicht, wie der Mann, der noch immer im Gang stand, ihr versonnen hinterher sah.

Wie verloren redete das junge Mädchen auf den Mann ein, der sie nicht zur Kenntnis nahm und ungewollt wurde ihr Ton immer ruppiger.
„Können wir? ... Hey Alter ... Hallo!“
„Wie redest du denn mit mir?!“
„Tschuldigung Paps. Aber was ist los mit dir? Hast du einen Geist gesehen?“
„Möglich.“ murmelte er. „Es ist nur ... ich ... diese Frau ... ihre Augen ... sie hat mich an Alexa erinnert.“
„Kenn“ ich sie?“
„Nein, sie ist tot. Ein Motorradunfall.“
„Klingt traurig.“
„Am Schlimmsten ist, dass ich ihr nie gesagt habe, wie sehr ich sie mochte.“
„Hast du sie geliebt?“
„Vielleicht. Als ich es rauskriegen wollte, hat mir Jenny von dem Unfall erzählt.“
„Mama hatte einen Motorradunfall? Davon weiß ich ja gar nichts.“
„Nein, Mama hat mir nur davon erzählt. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Jenny, also Mama, Alexa und ich. Ich war gerade beim Bund als es passierte.
Ich wollte eigentlich immer ihr Grab besuchen, aber Jenny nannte es ein törichtes Streben und vermutlich hat sie sogar Recht. Es war so schon alles schlimm genug.“

Sehnsüchtig sah er noch einmal in die Richtung der Ausgangstür.
„Weißt du Engelchen, ich habe nie erfahren wie ihr Haar roch und wie weich ihre Haut tatsächlich war. Und auch nicht wie unsagbar schön oder wie nichtig diese, unsere Liebe gewesen wäre.“
Er machte eine Pause und atmete hörbar durch.
„Manchmal frage ich mich, wie sie über die heutige Zeit denken würde. Damals haben wir uns regelrechte Redeschlachten geliefert und so komisch es klingt, es hat Spaß gemacht. Die Welt haben wir retten wollen. Wir beide ganz allein.
Und manchmal glaube ich, dass wir es auch geschafft hätten auf unsere eigene Art.
Stell' dir vor, wir hatten am gleichen Tag Geburtstag.“




Heising, Schröderstraße

Im Supermarkt herrschte dichtes Gedränge und schon längst bereute ich meinen kurzen Abstecher hierher. Vor mir stapelte eine kleine runde Frau Unmengen Lebensmittel auf das Band. Obst, Gemüse, Saft, Milch, es schien kein Ende zu nehmen.
Hinter mir schoben die Leute hektisch ihre Einkaufswagen aneinander. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr entkommen zu können und gab daher den Gedanken auf, das Dressing und den Salat einfach wieder in die Regale zurück zu legen um zu verschwinden.

Die Frau vor mir stapelte noch immer. Sie war ungewöhnlich flink und fand in dem Trubel sogar Zeit mich zwischendurch freundlich anzulächeln.
&#Entschuldigung“, flüsterte mir die kleine runde Frau mit mitleidigem Blick zu. Dann wuchtete sie schweigend ihren Einkaufswagen zum Ausgang. So banal es auch war. Diese Geste des Mitgefühls tat mir ausgesprochen gut.

„Kann ich ihnen helfen?“, fragte ich und hielt galant die schwere Eingangstür auf.
Erstaunt sah sie mich mit ihren großen braunen Augen an. „Das ist aber nett, junger Mann.“
&#Ach, Kleinigkeit“, wiegelte ich ab. Ihr Lächeln war wieder da und entschlossen schob sie den Wagen über den Parkplatz.

Der Einkaufswagen gehörte zu denen, die sich nicht rangieren ließen. Schon gar nicht, wenn sie derartig beladen waren. Sie bemühte sich redlich, aber es gelang ihr kaum das Gefährt in der Bahn zu halten.
&#Lassen sie mich mal!,“ forderte ich.
Sie zögerte ein wenig. „Meinen sie? Das macht doch soviel Umstände.“
&#Gar nicht“, log ich und schob los in die Richtung eines alten, roten Passats, auf den sie schweigend mit ihrem Finger deutete.

„Ich weiß“, erklärte sie ungefragt, „ich habe viel zu viel auf einmal eingekauft. Aber die Kinder meines Bruders leben jetzt bei mir. Und an die Umstellung muss ich mich erst wieder gewöhnen, denn meine Jungs sind lange aus dem Haus.“
Ich nickte nur, der verfluchte Einkaufswagen forderte meine ganze Aufmerksamkeit.

„Sie müssen wissen, mein kleiner Bruder, er war viel jünger als ich. Er und seine Frau sind vor einem Monat tödlich verunglückt.“
Betroffen blieb ich stehen. Der Wagen interessierte mich nicht mehr. „Das tut mir leid.“
Sie seufzte leise. „Am meisten tun mir die Kinder leid. Die Anja und der Ralf.
Die stehen plötzlich ohne Eltern da und bei uns dürfen sie auch nicht mehr bleiben.“

Warum nicht?“
&#Das Jugendamt“, erklärte sie ohne Verbitterung. „Die sagen wir seien zu alt.“
&#Verstehe“, murmelte ich. Nur zu gut wusste ich was sie meinte.
&#Aber“, sagte sie dann entschlossen, „die beim Jugendamt sind studierte Leute und wissen was sie tun.“
Ich schwieg, so sicher war ich mir da nicht mehr.

„Wissen sie was? Ich lade sie zum Kaffee ein!", erklärte sie freudig. „Mein Hannes sagt, mein Kuchen ist unschlagbar.“
Verlegen sah ich zur Uhr. „Tut mir leid ...“
&#Macht nichts“, unterbrach sie mich, „dann eben ein anderes Mal. Egal wann, wenn sie da sind, sind sie da. Warten sie, ich gebe Ihnen meine Adresse.“

Flink holte sie aus ihrer Brieftasche den Kassenzettel und einen kleinen Stift. Dann schrieb sie ihren Namen auf: Heising, Schröderstraße 4.
Entschlossen drückte sie mir die Notiz in die Hand und forderte: „Nun aber los, sonst kommen sie meinetwegen noch zu spät zu ihrem Termin.“
Dann winkte sie freudig wie ein kleines Kind und zuckelte mit ihrem Wagen weiter. Als ich im Auto saß, beschloss ich endgültig den Termin, der eigentlich keiner war, platzen zu lassen und fuhr wieder zurück ins Büro.

&#Und?“, empfing mich Kramer, „Wie war’s?“
&#Hab“ keinen angetroffen“, log ich.
&#Hättest dich vielleicht doch anmelden sollen.“
&#Vielleicht“, murmelte ich und blätterte lustlos in der Akte, die vor mir lag.
&#Sag mal Uwe, kannst du diesen Fall für mich übernehmen?“
&#Welchen?“, fragte Kramer, „Heising, Schröderstraße?“
&#Ja, genau der.“
&#Da ist doch alles klar. Die kommen aufgrund ihres Alters nicht in Frage zumal genügend Adoptionsanträge vorliegen.“
&#Ich weiß“, murrte ich.
&#Okay, wie du willst“, meinte Kramer und befasste sich weiter mit seinem Bericht. Wehmütig betrachtete ich noch einmal den Kassenzettel mit der Notiz, dann zerknüllte ich ihn und warf ihn in den Papierkorb.

Zu gern hätte ich mit der kleinen runden Frau Kaffee getrunken.

© 2006 Germaine Adelt




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