Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde in Frankfurt (Oder)

Die erste Vertreibung der Juden aus der Mark Brandenburg ist für das Jahr 1446 nachweisbar. In den folgenden Jahrhunderten wechselten sich Duldung und Vertreibung ab. Die Tagespolitik der Kurfürsten und wirtschaftliche Erwägungen bestimmten, ob Juden geduldet oder unter den irrsinnigsten Anschuldigungen vertrieben wurden. Doch nach jeder Vertreibung wurde insbesondere den polnischen Juden der Handel in den Marken wieder erlaubt. Zu wichtig waren sie für das brandenburgische Wirtschaftsleben.

Den Stadtbewohnern galt diese Minderheit in erster Linie als unliebsame Konkurrenz und daher dichtete man ihr gern Greuelmärchen an, um sie so mit gutem Gewissen ermorden oder vertreiben zu können. Brunnenvergiftung, Hostienschändung, Wucher, Handel mit gestohlenem Gut und Verrat – all diese Beschuldigungen wurden gegen die Juden erhoben. Auch wurden die Juden ihrer regen Reisetätigkeit wegen für die Verbreitung der Pest verantwortlich gemacht.

1671 fanden mit Erlaubnis des Kurfürsten Friedrich Wilhelm zehn österreichische jüdische Familien in Frankfurt eine neue Heimat. Das Zusammenleben der Angehörigen der verschiedenen Konfessionen (Lutheraner, Reformierte, Katholiken und Juden) gestaltete sich anfänglich durchaus nicht immer friedlich. So wie sich die lutherische Mehrheit der Bevölkerung gegen die Aufnahme von Juden stellte, versuchte sie auch die Niederlassung der ersten Reformierten in der Stadt zu verhindern. Kurfürstliche und später dann königliche Dekrete und Edikte zwangen die lutherischen Frankfurter jedoch, sich mit den Minderheiten zu arrangieren. Die Frankfurter mussten lernen, mit kleingewerbetreibenden Juden, mit jüdischen Druckern und mit jüdischen Studenten zu leben.

Dieser Erziehungs- und Lernprozess wurde staatlicherseits erzwungen und vor Ort von einigen wenigen Beamten, Pfarrern und Lehrern getragen. Dazu zählte vor allem Johann Christoph Beckmann, Professor der Frankfurter Universität und Druckereibesitzer. 1700 befand sich in Frankfurt an der Oder die zweitgrößte jüdische Gemeinde zu jener Zeit mit einem geschätzten Bevölkerungsanteil von rund zehn Prozent.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte in Frankfurt (Oder) ein durchaus liberales Klima, das sich in einem friedlichen Miteinander der verschiedenen Konfessionen zeigte. Die jüdischen Bürger fühlten sich immer mehr als deutsche Staatsbürger.
Der Pfarrer Christian Wilhelm Spieker schenkte in dem von ihm gegründeten Frankfurter Patriotischen Wochenblatt dem Gemeindeleben aller vier Konfessionen gleichermaßen Aufmerksamkeit und bemühte sich, seine Mitmenschen zur Toleranz zu erziehen und aufzuklären. Christen und Juden arbeiteten nicht nur gemeinsam in der Stadtverwaltung, sie saßen auch gemeinsam am Stammtisch und betätigten sich vereint für das Gemeinwohl der Stadt oder organisierten sich in Vereinen.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden in Frankfurt zahlreiche jüdische Vereine. Zunehmende antisemitische Tendenzen innerhalb des Bürgertums ließ die jüdische Gemeinde wieder bewusst enger zusammenrücken. Das rege jüdische Leben wurde dann durch den Machtantritt der Faschisten erst eingeschränkt und schließlich endgültig vernichtet.
1933 lebten in Frankfurt noch ca. 800 Juden. Die Mehrzahl der Frankfurter Juden konnte emigrieren und sich im Ausland eine neue Existenz aufbauen.
Brigitte Meyer, Frankfurter Jahrbuch 1999




Die Wiedergeburt der jüdischen Gemeinde Frankfurt (Oder)

Am 9. November 1988, zum 50. Jahrestag der nationalsozialistischen Pogromnacht von 1938 wurde nahe dem ursprünglichen Standort ein Gedenkstein für die in jener Nacht geplünderte und durch Brand beschädigte Synagoge eingeweiht, die bei den Bränden nach der Einnahme der Stadt 1945 endgültig zerstört worden war.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahre 1991 wurde es den dort lebenden und zunehmend antisemitischen Diskriminierungen ausgesetzten jüdischen Bürgern möglich, legal auszuwandern.
Vom Sommer 1997 bis Ende 1998 kamen annähernd 200 Personen nach Frankfurt (Oder). Zwar hatte niemand in seiner Heimat die Stadt Frankfurt (Oder) ausgewählt, doch sehen viele gläubige Juden das Schicksal ihrer Ansiedlung an diesem Ort heute als gottbestimmt an.

Am 15. April 1998 beschloss die Gemeinschaft die Gründung einer jüdischen Gemeinde. Ende September wurde ein etwa 150 Menschen fassender Saal, verbunden mit einem sehr kleinen Büro, zur Verfügung gestellt. Zwei kardinale Probleme hatte bzw. hat die Gemeinde: Es gibt keine Synagoge, und es fehlt ein Rabbiner. Einen Rabbiner gibt es in Brandenburg zur Zeit lediglich in Potsdam. Zu hohen religiösen Feiertagen steht dieser auch nur der dortigen Gemeinde zur Verfügung.
Reinhard Kusch, in Zusammenarbeit mit Mark Perelman, Frankfurter Jahrbuch 1999





 
 
Frankfurter Talmuddruck – Ein Aktienunternehmen der Wissenschaft

Der eigentliche Beginn des hebräischen Buchdrucks in Frankfurt (Oder) liegt in der zweiten Hälfte des 17. Jahrh. und wurde von Johann Christoph Beckmann begründet.
1673 hatte Beckmann die Universitätsdruckerei erworben, 1697 begann der Druck einer zwölfbändigen Ausgabe des k. Bereits in den Jahren ab 1715 erfolgte der Druck der zweiten Ausgabe in Frankfurt (Oder) und Berlin.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wollten zwei Gelehrte nochmals eine Talmudausgabe in Angriff nahmen: Daniel Ernst Jablonski und Johann David Grillo. Jablonski unterhielt in Berlin eine eigene Druckerei, in der bereits Ausgaben verschiedener jüdischer Gebetsbücher und des Alten Testaments in hebräischer Sprache erschienen waren. Ein Teil der zweiten Frankfurter Talmudausgabe war ebenfalls in dieser Druckerei entstanden. Grillo, Prediger in Frankfurt und Professor der Theologie an der Oderuniversität, hatte etwa 1740 die Beckmannsche Druckerei erworben.

Die Idee des Vorhabens bestand in folgendem: Durch die Ausgabe von Gewinnanteilen auf den Verkauf der beabsichtigten Talmudausgabe sollten alle anfallenden Kosten vorfinanziert werden. Der zweite Teil des Aktienunternehmens bestand im gewinnbringenden Vertrieb der kostbaren Bücher.

Allerdings ging das Unternehmen bankrott. Zu viele nicht vorhersehbare Unsicherheitsfaktoren waren zusammengetroffen. Vor allem waren die enormen Versandkosten für die vielen umfangreichen Bände des Talmud bis nach Palästina und Kleinasien unterschätzt worden. Unter anderem. wurde eine Lieferung auf dem Weg nach Holland Opfer der Meeresfluten und ein bis zum Dach mit Talmudbänden gefülltes Magazin in Amsterdam ging in Flammen auf.
Das Aktienunternehmen der Wissenschaft war gescheitert.
Martin Schieck, Frankfurter Jahrbuch 1998





 
 
Der jüdische Friedhof von Frankfurt (Oder)

Die Lage des vor 600 Jahren entstandenen Friedhofes entsprach alten jüdischen Riten und Vorstellungen. Abseits von menschlichen Siedlungen, an einem bewaldeten Berghang gelegen, war der erste Teil des Gräberfeldes von einer niedrigen Feldsteinmauer umgeben. Nach den jüdischen Reinheitsgesetzen war diese Mauer so niedrig gehalten, daß alle Grabstätten eingesehen werden konnten, ohne den Friedhof betreten zu müssen. Fast einhundert Jahre, bis 1490, fanden hier Beisetzungen statt. In diesem Jahr wurden alle Juden aus der Mark Brandenburg vertrieben. Der Friedhof verfiel und viele Grabsteine wurden für anderweitige Zwecke von Andersgläubigen verwandt.

1670 ließen sich wieder jüdische Familien in der Oderstadt nieder. In den Jahren darauf wurden jüdische Bürger zum festen Bestandteil der Oderstadt, und so wurde 1868 der zweite Abschnitt des Friedhofsgeländes erschlossen. In der Stadt zu Wohlstand gelangt, spiegelte sich dieses in den Familiengrabstätten wieder. Eine Leichenhalle wurde gebaut, deren glänzende Kupferkuppel mit dem vergoldeten Davidstern weithin zu sehen waren.

1966 war der jüdischen Friedhof stark verwildert, aber die Grabsteine standen noch. Im Herbst 1975 waren alle Grabsteine umgeworfen und zerschlagen. Auch ein Teil der Mauer war schon abgetragen. Kurze Zeit später wurde auf dem vorderen Teil des Friedhofes mit dem Bau von Parkplätzen und einem Motel begonnen.
Horst Joachim, Frankfurter Jahrbuch 1999





 
 
Erlebnisse in der NS-Zeit

Der Terror setzte, sichtbar für jeden Bürger der Stadt, am 1. April 1933 ein. Es war der Tag, an dem SA-Horden die Einwohner hinderten, die jüdischen Geschäften der Stadt zu betreten. Parolen wie "Deutsche, wehrt Euch, kauft nicht beim Juden!" oder "Die Juden sind unser Unglück" wurden der Bevölkerung durch Plakate und Sprechchöre, durch den Rundfunk und auch durch die Frankfurter Oderzeitung vermittelt. Die Oderzeitung ging 1933 sofort mit fliegenden Hakenkreuzfahnen zu den Nazis über. Die vielen großen jüdischen Geschäfte der Stadt mussten schließen oder wurden von den SA-Leuten geschlossen. Schon seit Anfang 1934 befand sich die Geheime Staatspolizei mit einer Leitstelle im Regierungsgebäude, dem Hauptgebäude der heutigen Viadrina-Universität, wo mehrere Beamte allein für die "Judenbekämpfung" eingesetzt waren.

"Mein Vater, der in Frankfurt (Oder) die modernste Schuhfabrik besaß und in den Jahren vor der Nazizeit größter Steuerzahler und größter privater Arbeitgeber der Stadt war und bisher einer der angesehensten Bürger der Stadt, wurde verhaftet, ich wurde von der Schule verwiesen. Das Fabrikgebäude wurde beschlagnahmt und alle vier Geschosse als Getreidelager benutzt".

1941 fand Hans Heilborn Arbeit als Hilfsschlosser in der Schlosserei Seidlitz in der Großen Oderstraße, für 25 Pfennige Stundenlohn minus 35 Prozent 'Sozialausgleichsabgabe', d. h. Judensteuer, in einer Zeit, wo schon Stundenlöhne von 4,50 und auch 6,00 RM gezahlt wurden. "Ich musste früh, mittags und abends mit dem Judenstern den Weg vom Marktplatz bis zur Huttenstraße, wo wir wohnten, laufen. Die Straßenbahn durfte ich als Jude nicht benutzen. Besonders im Sommer, wenn es früh und abends noch hell war, war es ein zweifelhaftes Vergnügen, dreimal am Tag quer durch die Stadt zu laufen, in der es damals viele Soldaten gab, die mich, je nach ihrer Einstellung, beschimpften oder bestaunten."
Hans Heilborn, Frankfurter Jahrbuch 1999





 
 

Lebenswege ehemaliger jüdischer Bürger und Bürgerinnen
aus Frankfurt (Oder)

Friedrich Lotter, Frankfurter Jahrbuch 2001


 
 

Hermann (Menachem) Gerson und der Bund deutsch-jüdischer Werkleute

Friedrich Lotter, Frankfurter Jahrbuch 1997/98


 

 

Michael von Derenburg, ein Hofjude in Frankfurt an der Oder

Harald Riebe, Frankfurter Jahrbuch 2003/04







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